Offener Brief: Europaparlamentarier fordern Friedensdiplomatie der EU
Der Offene Brief von Michael von der Schulenburg und Ruth Firmenich (beide BSW) ist mit Datum vom Montag an die PrĂ€sidentin des EuropĂ€ischen Parlaments, Roberta Metsola, gerichtet. Er ging ebenso an Kaja Kallas, Hohe Vertreterin der EuropĂ€ischen Union fĂŒr AuĂen- und Sicherheitspolitik und VizeprĂ€sidentin der EuropĂ€ischen Kommission, sowie an alle Mitglieder des EuropĂ€ischen Parlaments. Wir veröffentlichen den Brief im Wortlaut:
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Sehr geehrte Frau Metsola,
Wir sind zutiefst besorgt ĂŒber die groĂ angelegte MilitĂ€roperation, die derzeit von den Vereinigten Staaten und Israel gegen die Islamische Republik Iran durchgefĂŒhrt wird â ein Krieg, der die gesamte Region zu erfassen und die globale Sicherheit zu destabilisieren droht. In diesem fĂŒr den internationalen Frieden kritischen Moment muss das EuropĂ€ische Parlament alle Seiten dazu auffordern, die Feindseligkeiten unverzĂŒglich einzustellen und sofort an den Verhandlungstisch zurĂŒckzukehren. Um die IntegritĂ€t und GlaubwĂŒrdigkeit der EuropĂ€ischen Union zu wahren, muss das Parlament in diesem Zusammenhang vor allem sein unerschĂŒtterliches Bekenntnis zum Völkerrecht und zur Charta der Vereinten Nationen bekrĂ€ftigen.
Aus diesem Grund bitten wir Sie darum, eine Sondersitzung des EuropÀischen Parlaments einzuberufen.
Dieser Angriff stellt einen schwerwiegenden VerstoĂ gegen das Völkerrecht und die Charta der Vereinten Nationen dar, denen alle beteiligten Staaten als Vertragsparteien verpflichtet sind. Was diese Entwicklung noch beunruhigender macht, ist die Tatsache, dass sie â genau wie der Angriff auf den Iran im Juni 2025 â stattfand, wĂ€hrend die Vereinigten Staaten und der Iran noch aktive diplomatische BemĂŒhungen um eine friedliche Lösung unternahmen. Nach Angaben des AuĂenministers von Oman, der bei diesen GesprĂ€chen vermittelt hatte, wurden bei den Verhandlungen konkrete Fortschritte erzielt. Er sprach sogar von einem möglichen Durchbruch. Die Angriffe waren daher ein eklatanter VerstoĂ gegen die in der UN-Charta geforderten VermittlungsbemĂŒhungen als Mittel zur Beilegung von Konflikten.
Diese Angriffe waren unprovoziert. Der Iran hat keinem seiner Nachbarn, einschlieĂlich Israel, mit militĂ€rischen MaĂnahmen gedroht. Auch stellt der Iran keine Bedrohung fĂŒr die Vereinigten Staaten dar. Er entwickelt weder Atomwaffen noch strebt er nach Interkontinentalraketen â Tatsachen, die sogar von US-Geheimdienstberichten bestĂ€tigt wurden. Dieser Angriff zweier AtommĂ€chte ist besonders alarmierend, da er die gefĂ€hrliche EinschĂ€tzung verstĂ€rkt, dass Staaten ohne Atomwaffen willkĂŒrlichen MilitĂ€rschlĂ€gen schutzlos ausgeliefert bleiben. Ein solcher PrĂ€zedenzfall untergrĂ€bt das Vertrauen in den Atomwaffensperrvertrag der Vereinten Nationen und könnte andere Staaten zu dem Schluss veranlassen, dass nur die nukleare AufrĂŒstung â wie im Fall Nordkoreas â ihre Sicherheit garantieren kann.
Ebenso inakzeptabel sind die offenen und wiederholten Forderungen nach einem Regimewechsel im Iran und die gezielten MordanschlĂ€ge auf die iranische FĂŒhrung. Diese Handlungen stellen einen eklatanten VerstoĂ gegen den Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten souverĂ€ner Staaten gemÀà der Charta der Vereinten Nationen dar. Die jĂŒngste Geschichte bietet kein Beispiel dafĂŒr, dass ein von auĂen erzwungener Regimewechsel zu StabilitĂ€t oder Wohlstand gefĂŒhrt hĂ€tte. Dort, wo die FĂŒhrung gewaltsam entfernt wurde, war das Ergebnis ausnahmslos jahrelanges Chaos, Anarchie, wirtschaftlicher und sozialer Niedergang und unermessliches menschliches Leid.
Besonders beunruhigend ist, dass dieser Angriff von einem PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten angeordnet wurde, der mit dem Wahlversprechen angetreten war, Kriege zu beenden, anstatt neue Kriege zu beginnen. Mit dieser Entscheidung schlittert die Welt immer schneller in eine internationale Ordnung, die vom Recht des StĂ€rkeren bestimmt wird â eine Ordnung, in der Krieg und Gewalt wieder zu anerkannten Mitteln zur Beilegung von Konflikten und zur Durchsetzung von MachtansprĂŒchen werden. In einer Zeit, geprĂ€gt von immer zerstörerischeren Atomwaffen und immer schnelleren Raketensystemen, ist eine solche Entwicklung mit Gefahren verbunden, die unvorstellbare Risiken fĂŒr das Ăberleben der Menschheit mit sich bringen könnten.
Die EuropÀische Union muss klar und entschieden gegen diese gefÀhrliche Entwicklung Stellung beziehen.
Wir rufen hiermit alle unsere Kolleginnen und Kollegen im EuropĂ€ischen Parlament auf, unseren Antrag auf eine Sondersitzung zu unterstĂŒtzen.