Kinderschutzpläne der EU: «Ein grundsätzlich falscher Weg»
Die EU-Kommission will die Online-Sicherheit von Kindern verbessern und fordert strengere Social-Media-Regeln. Im Herbst will sie Gesetzesvorschläge vorlegen. Für die Umsetzung dieser Pläne soll eine Altersverifizierungs-App eingesetzt werden (wir berichteten). Kritiker warnen derweil, dass es EU-Chefin Ursula von der Leyen weniger um den Kinderschutz gehe als um ein Kontrollsystem für alle Internetnutzer.
Schon im März hatte von der Leyen zwei Sonderberater damit beauftragt, ein Expertenpanel zu leiten und Empfehlungen für den Umgang von Minderjährigen mit sozialen Medien und anderen digitalen Angeboten zu formulieren. Dieser Bericht mit dem Titel «Child Safety Online – Protecting and Empowering Minors in a Digital World» ist jetzt fertig. Verantwortlich zeichnen die beiden Vorsitzenden des Panels: der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg M. Fegert und die französische Gesundheitsforscherin Maria Melchior.
Ihre zentrale Empfehlung: Für Kinder unter 13 Jahren soll eine EU-weite Zugangsbeschränkung zu sozialen Medien und anderen digitalen Diensten eingeführt werden. Eine zeitlich begrenzte Nutzung soll nur mit Zustimmung und unter Aufsicht der Eltern oder zu Bildungszwecken möglich sein. Mitgliedstaaten sollen darüber hinaus auch für ältere Jugendliche strengere Altersgrenzen beschließen können.
Wie der österreichische Exxpress berichtet, hat der Kommunikationswissenschaftler und Plagiatsprüfer Stefan Weber diesen EU-Bericht auf X als eine «Studie aus der Hölle» bezeichnet. Die EU inszeniere sich darin als Regulator, der über Kindern, Eltern, Lehrern und Digitalunternehmen stehe.
Schon die Entstehung des aufwendig gestalteten Papiers wirft für ihn Fragen auf. Gegenüber dem Exxpress erklärte er: «Mich würde zunächst einmal interessieren, wie viel Euro dieser perfekt layoutierte Report den EU-Steuerzahler gekostet hat. Was haben die Studienautoren Fegert und Melchior verdient?»
Die EU-Kommission führe die beiden als Sonderberater der Präsidentin mit Verträgen bis zum 31. Juli 2026 auf. Nach den allgemeinen Regeln könnten Sonderberater vergütet oder unentgeltlich tätig sein. Welche Vergütung die beiden konkret erhielten und wie hoch die Gesamtkosten des Panels und des Berichts waren, geht laut Weber aus der öffentlich zugänglichen Übersicht der Kommission nicht hervor.
Auch inhaltlich hält Weber nicht viel von den vorgeschlagenen Beschränkungen. Er bezeichnet sie als grundlegend falschen Weg. Gegenüber Exxpress erklärte er:
«Ich bin davon überzeugt, dass ein Verbot erstens vorgeschoben ist und zweitens völlig kontraproduktiv wäre. Das geht alles radikal an der Lebensrealität der Kinder vorbei. Die entscheidende Aufgabe bestehe nicht darin, Jugendliche pauschal von digitalen Angeboten fernzuhalten, sondern ihnen einen kritischen und eigenverantwortlichen Umgang damit zu vermitteln. Entscheidend ist einzig und allein Medienkompetenz. ‹Empowering› kommt immer weit vor ‹Protecting›, im Bericht ist es aber genau umgekehrt.»
Weber widerspricht insbesondere dem Vergleich von Social-Media-Altersgrenzen mit bestehenden Altersgrenzen für Alkohol oder andere Produkte. Soziale Netzwerke seien nicht bloß Unterhaltungsmaschinen, sondern längst wichtige Informationsräume. Ein pauschaler Ausschluss könne daher auch den Zugang zu Nachrichten, Wissenschaft, politischen Debatten und alternativen Sichtweisen beschränken.
Und es stellt sich noch eine weitere Frage: Sind Altersverbote in der Praxis tatsächlich durchsetzbar? In Australien, das im Dezember 2025 als erstes Land ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Kraft setzte, zeigt sich bereits, dass solche Verbote nicht viel bringen.
In einer Befragung unter rund 400 Jugendlichen erklärten drei Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes mehr als 85 Prozent, weiterhin mindestens eine der für sie gesperrten Plattformen zu verwenden. Genutzt wurden unter anderem falsche Altersangaben, Fake-Accounts oder Konten, die auf ältere Personen registriert waren.
Auch der EU-Bericht selbst gesteht, dass die meisten Minderjährigen in Ländern mit pauschalen Altersverboten Wege gefunden hätten, diese zu umgehen. Die Autoren erachten die Beschränkungen dennoch als sinnvoll.
Für Weber ist das ein weiteres Beispiel für einen Ansatz, der auf immer neue Vorschriften setzt, obwohl deren Wirkung fraglich bleibt: «Die EU hat nur zwei Paradigmen im Kopf: Regulieren und, wenn das nicht geht oder nichts bringt, Verbieten.»
Die EU verstehe sich als oberste Regulierungsbehörde gegen die «bösen» technischen Innovationen aus den USA und gegen mögliche politische Einflussnahmen aus Russland, so Weber. Das sei ein grundlegender Policy-Fehler. Immer weniger Menschen würden eine solche EU wollen.