Telegram-Gründer Durow zur EU-Chatkontrolle: Die EU wird zur «Bananenrepublik»
Letzte Woche stimmte das EU-Parlament einer Verlängerung der Chatkontrolle zu (wir berichteten). Damit wird Tech-Konzernen weiterhin ermöglicht, private Nachrichten anlasslos zu durchleuchten. Angeblich geht es dabei darum, Material über sexuellen Kindesmissbrauch aufzuspüren.
Nun kritisierte der Telegram-Gründer Pawel Durow den Schritt scharf, wie RT berichtet. Laut Durow hat sich die Europäische Union dazu herabgelassen, zweifelhafte Verfahrenslücken zu nutzen, die üblicherweise von Regimes in Entwicklungsländern eingesetzt werden, um umstrittene Gesetze zu verabschieden. So schrieb der Unternehmer auf X:
«Solche Tricks, die früher typisch für Bananenrepubliken waren, werden nun von der EU genutzt, um Überwachungsgesetze zu verabschieden.»
Wie RT informiert, sorgte die Mitte-Rechts positionierte Europäische Volkspartei (EVP), der die Parlamentspräsidentin Roberta Metsola angehört, dafür, dass die Abstimmung einem selten angewandten Gesetzgebungsverfahren unterlag. Bei diesem ist eine absolute Mehrheit von mindestens 361 Abgeordneten erforderlich, um einen Vorschlag abzulehnen oder zu ändern.
Zudem habe die Abstimmung am Tag vor der Sommerpause stattgefunden, als eine vollständige Anwesenheit höchst unwahrscheinlich gewesen sei. Infolgedessen sei der Vorschlag trotz des Widerstands der meisten anwesenden Abgeordneten verabschiedet worden.
Laut dem Nachrichtenportal Euractiv übten zudem vier EU-Kommissare Druck auf die Gesetzgeber aus, das Gesetz zu verabschieden.
Rand Hammoud vom European Center for Democracy and Technology kritisierte das Vorgehen RT zufolge als «stark politisiertes Verfahrensmanöver». Gegenüber Euractiv erklärte er:
«Wenn die größte Fraktion ihren politischen Einfluss nutzt, um eine erneute Abstimmung über eine Maßnahme zur flächendeckenden Datenerfassung zu erzwingen, die bereits abgelehnt wurde, sollte das jeden beunruhigen, dem die institutionelle Integrität am Herzen liegt.»
Und Simeon de Brouwer vom zivilgesellschaftlichen Netzwerk Edri teilte Euractiv in einer schriftlichen Stellungnahme mit:
«Es ist beeindruckend zu sehen, wie das Europäische Parlament von seinem eigenen Präsidenten hintergangen wird.»
Gemäß RT warnte de Brouwer, dass das «Chat Control»-Gesetz es Technologieunternehmen ermögliche, «ohne richterliche Anordnung, mit wenig bis gar keiner Aufsicht und ohne Rechtsgrundlage Millionen von Unterhaltungen auszuspionieren».
RT weist auch darauf hin, dass unterdessen Berichten zufolge ein umfassenderes Rahmenwerk namens «Chat Control 2.0» vorbereitet wird, das Technologieunternehmen dazu zwingen würde, End-to-End-verschlüsselte Kommunikation auszuspähen, die derzeit von Überprüfungen ausgenommen ist.
Man muss das alles jedoch nicht einfach hinnehmen: Eine neue Website bietet nun neben Hintergrundinformationen vor allem detaillierte Hilfestellung, wie man die Kontrolle über seine Konversationen und seine Daten zurückgewinnen kann (wir berichteten).