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Corona Transition

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Feed Titel: Transition News


Staatliche Förderpreise und angebliche UnabhÀngigkeit

Wir erinnern uns: Im FrĂŒhjahr hatte der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beim Buchhandlungspreis drei PreistrĂ€ger von der Liste gestrichen, die von der Jury ausgewĂ€hlt worden waren. Aufgrund von «verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen», lautete die lapidare BegrĂŒndung.

Der Aufschrei in den Leitmedien war groß, unter anderem deswegen, weil die Betroffenen das Etikett «linksextrem» bekamen. Der Angriff galt also den eigenen Leuten, die ja durchaus als «links» bezeichnet werden durften, aber bitteschön doch nicht als «extrem».

Kein Hahn hĂ€tte gekrĂ€ht, wenn das Etikett «rechtsextrem» gewĂ€hlt worden wĂ€re. Und dieses bekommen heute bekanntlich alle, die Regierung, Mainstream-Presse und woke Ideologie kritisieren. Dissidenten also! Nun gibt es nicht wenige Buchhandlungen und Verlage, die sich nicht scheuen, BĂŒcher mit unangepasstem Inhalt zu veröffentlichen beziehungsweise zu verkaufen. Doch die findet man in den Listen der PreistrĂ€ger vergebens.

Man kann sich auch leicht ausmalen, warum. Denn auch die Jurys bewerten die Kandidaten durch ihre ideologische, ja, mainstreamige Brille. Preisverleihungen sind Politik mit anderen Mitteln. Das kommt in der jĂŒngsten RegelĂ€nderung besonders deutlich zum Vorschein: Beim Deutschen Verlagspreis trifft kĂŒnftig der Kulturstaatsminister höchstpersönlich die Auswahl – «auf Grundlage der Empfehlung der Jury» freilich!

Interview mit Juryvorsitzendem Jörg Thadeusz

Ein bisschen Scheindemokratie muss schließlich noch gewahrt bleiben. Apropos Demokratie. Von der redet besonders gerne Der Spiegel. Das Relotius-Blatt sieht sie nach der RegelĂ€nderung natĂŒrlich in Gefahr, schließlich seien «unabhĂ€ngige Jurys» bisher unverzichtbar gewesen fĂŒr die «demokratische Förderpraxis», wie im Interview mit dem neuen Verlagspreis-Juryvorsitzenden Jörg Thadeusz betont wird.

So, so! Waren alternative, unangepasste Verlage wie massel, etica.media oder Loco – um nur drei Vertreter herauszugreifen – bislang ausgezeichnet worden? HĂ€tten sie sich ĂŒberhaupt bewerben dĂŒrfen? WĂŒrde die vermeintlich «unabhĂ€ngige Jury» sie berĂŒcksichtigen, sie ĂŒberhaupt wahrnehmen?

Der Spiegel tut es jedenfalls nicht, selbst die Berliner Zeitung nicht und auch nicht die neue Ostdeutsche Allgemeine, obwohl beide sich aufgemacht haben, es besser zu machen als die regierungs- und ideologietreuen Leitmedien. Wenn dort mal BĂŒcher besprochen oder Autoren interviewt werden, dann handelt es sich ĂŒberwiegend um solche, die auch sonst auf dem Radar sind. Wer sich darunter bewegt, wird auch von diesen BlĂ€ttern strikt ignoriert.

Schon die Berichterstattung ĂŒber das weite Feld des Buchwesens ist höchst undemokratisch und bildet den Pluralismus nicht in dem Maße ab, wie ĂŒber ihn bloß gesprochen wird. Es mutet geradezu heuchlerisch an, wenn Leitmedien wie Der Spiegel von politischer Einflussnahme schwadronieren. Sie selbst tun es nĂ€mlich auch, nur mit den Waffen, die ihnen der eigene Berufsstand zur VerfĂŒgung stellt.

(Selbst-)Entlarvung des Kulturbetriebs

Was sich seit Jahren abspielt, ist ein Kulturkampf. Von dem wollen die Leitmedien jedoch nicht reden. Thadeusz wirkt da schon mutiger, wenn er im Spiegel-Interview darauf verweist, um Kulturstaatsminister Weimer zu verteidigen: «Ich glaube ihm aber, und das hat er ja öffentlich gesagt, dass er sich vor allem im Kulturkampf gegen die ganz Rechten sieht.»

Damit gibt Thadeusz praktisch zu, worum es bei staatlichen Förderpreisen und RegelÀnderungen geht. Etiketten wie «rechts» oder «linksextrem» dienen lediglich als Rechtfertigungsmittel, die man selbst fabriziert.

SpÀter im Interview wird er noch deutlicher: «Zugleich finde ich auch, dass der Kulturbereich wahnsinnig verlogen ist», sagt Thadeusz und erlÀutert es am Beispiel der Theaterregisseure, die sich als «wahnsinnig unabhÀngig» geben, aber letztlich auch ein «bestimmtes Weltbild» produzieren.

«Das alles wird nicht wirklich erzĂ€hlt, aber wenn Wolfram Weimer sagt, ich mag keine linksradikalen Buchhandlungen, ist die Aufregung groß.» Die Entlarvung ist köstlich, genauso wie die eigene im Anschlusssatz: «Also: Wenn jemand der Meinung ist, er mĂŒsse Verschwörungstheorien in die Welt blasen, soll er das machen. Aber er muss doch nicht mit Steuergeld unterstĂŒtzt werden.»

Preise als Machtinstrument

Hier schließt sich der Kreis. Wenn ein Juryvorsitzender Aussagen als «Verschwörungstheorien» abkanzelt, tut er das auch anhand bestimmter Kriterien und auf der Grundlage eines bestimmten Weltbilds, das er reproduziert, indem er alles degradiert, was dem nicht entspricht.

Damit gleicht sich Thadeusz dem gerĂŒgten Theaterregisseur an und erweist sich als genauso wenig unabhĂ€ngig wie er. Förderpreise, ob nun fĂŒr Verleger oder Buchhandlungen, sind Machtinstrumente, umhĂŒllt mit Glitzer, der Wohlwollen suggeriert.

Jeweils 50.000 Euro bekommen die ersten drei prĂ€mierten Verlage. Bis zu 79 weitere dĂŒrfen auf Preise von 18.000 Euro hoffen. Doch damit nicht genug: Es gibt noch den Nachhaltigkeitspreis und den Innovationspreis, die jeweils mit 24.000 Euro dotiert sind. Viel Geld, das letztendlich die Steuerzahler erwirtschaften. Investiert wird es jedoch nicht in Vielfalt, sondern in die Stabilisierung der herrschenden Meinung.

Schweizer NeutralitÀt unter Druck: Ein Prinzip, das sich immer wieder behaupten muss

Die Schweizer NeutralitĂ€t erscheint heute oft als unverrĂŒckbare Konstante der Außenpolitik. Historisch betrachtet war sie jedoch stets Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und Ă€ußeren Drucks. Die großen Herausforderungen der napoleonischen Zeit oder die Spannungen wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs sind bekannt. Weniger beachtet wird, dass auch die Nachkriegsjahre eine Phase intensiver Diskussionen ĂŒber Sinn, Zweck und Grenzen der NeutralitĂ€t waren. Diese Diskussion kann bei der kommenden Abstimmung ĂŒber die NeutralitĂ€tsinitiative als Orientierungspunkt dienen (hier und hier).

Nach 1945 musste sich die Schweiz in einer grundlegend verĂ€nderten Weltordnung positionieren. Europa war politisch geteilt, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion standen sich als globale Machtblöcke gegenĂŒber. Die Schweiz lag geografisch im Einflussbereich des westlichen BĂŒndnisses, wollte aber ihre außenpolitische EigenstĂ€ndigkeit bewahren.

Die Diplomatischen Dokumente der Schweiz fĂŒr die Jahre 1949 bis 1952 zeigen ein differenziertes Bild dieser Phase. Die Schweiz bemĂŒhte sich damals, ihre NeutralitĂ€t international zu festigen. Gleichzeitig war die Frage offen, wie dieses Prinzip in einer Welt des Kalten Krieges praktisch umgesetzt und verstĂ€ndlich kommuniziert werden sollte.

Ein zentrales Problem bestand darin, dass der Begriff NeutralitĂ€t unterschiedlich verstanden wurde. Alfred Zehnder vom Eidgenössischen Politischen Departement (heute Eidgenössisches Departement fĂŒr auswĂ€rtige Angelegenheiten, das Außenministerium) stellte 1951 fest, dass innerhalb und außerhalb der Schweiz keine vollstĂ€ndige Klarheit darĂŒber bestehe, was NeutralitĂ€t konkret bedeutet.

Der Begriff sei teilweise zu einer emotionalen Vorstellung geworden. GegenĂŒber dem Ausland mĂŒsse deshalb erklĂ€rt werden, dass zwischen der NeutralitĂ€t des Staates und einer politischen oder ideologischen NeutralitĂ€t unterschieden werden mĂŒsse.

Die offizielle Linie lautete: Die Schweiz sei neutral und die Bedeutung dieser NeutralitÀt zeige sich durch ihr konkretes Verhalten im jeweiligen Einzelfall. Eine umfassende und starre Definition sollte vermieden werden, weil sie die Handlungsmöglichkeiten des Landes einschrÀnken könnte.

Diese pragmatische Auslegung wurde zu einem wesentlichen Element der Schweizer NeutralitĂ€tspolitik: nicht politische GleichgĂŒltigkeit, sondern die FĂ€higkeit, unabhĂ€ngig und berechenbar zu handeln.

Besonders interessant ist die Rolle von Bundesrat Max Petitpierre (FDP/Neuenburg), der von 1945 bis 1961 dem Politischen Departement vorstand. Untersuchungen auf Basis der diplomatischen Dokumente zeigen, dass auch Petitpierre nicht von Anfang an vorbehaltlos vom Nutzen der NeutralitĂ€t ĂŒberzeugt war.

In den frĂŒhen Nachkriegsjahren stellte sich fĂŒr ihn die Frage, ob ein neutraler Staat in einer Welt, in der sich Demokratien und kommunistische Systeme gegenĂŒberstanden, seine Position langfristig behaupten könne. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Umgang mit totalitĂ€ren Regimen hatten die traditionelle NeutralitĂ€tsidee zusĂ€tzlich belastet.

SpÀter setzte Petitpierre jedoch umso stÀrker auf eine klare politische Formel: Die NeutralitÀt sollte nicht als passive Haltung verstanden werden, sondern als Instrument, um der Schweiz Sicherheit, UnabhÀngigkeit und internationale HandlungsfÀhigkeit zu ermöglichen. Petitpierre stellte das unter das einprÀgsame Motto: NeutralitÀt und SolidaritÀt.

Der Ost-West-Konflikt stellte diese Politik vor konkrete Herausforderungen. Ein Beispiel war der Handel mit den kommunistischen Staaten. Die USA versuchten nach 1948, strategisch wichtige GĂŒterlieferungen in den Ostblock einzuschrĂ€nken. FĂŒr die Schweiz entstand ein schwieriger Balanceakt zwischen ihrem wichtigsten Handelspartner im Westen und ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen. Bern zeigte Bereitschaft, bestimmte ExportbeschrĂ€nkungen mitzutragen, hielt aber gleichzeitig an wirtschaftlichen Beziehungen fest, soweit diese mit der NeutralitĂ€t vereinbar erschienen (Hotz-Linder-Agreement).

Auch politisch musste die Schweiz immer wieder ihre Position erklĂ€ren. WĂ€hrend Washington eine deutlichere UnterstĂŒtzung westlicher Positionen erwartete, lehnte Bern beispielsweise eine politische Stellungnahme zugunsten der amerikanischen Haltung im Koreakrieg ab. Gleichzeitig beteiligte sich die Schweiz an internationalen Aufgaben, etwa bei der Überwachung eines möglichen Waffenstillstands durch Schweizer Offiziere. Damit wollte der Bundesrat zeigen, dass NeutralitĂ€t nicht RĂŒckzug bedeutete, sondern eine aktive Rolle in der internationalen Gemeinschaft ermöglichen konnte.

Die Nachkriegsjahre zeigen auch, dass NeutralitĂ€t nie losgelöst von wirtschaftlichen und politischen Interessen betrachtet werden kann. Die Schweiz verfolgte eine eigenstĂ€ndige Außenpolitik, musste dabei aber stets die internationalen MachtverhĂ€ltnisse berĂŒcksichtigen.

Die frĂŒhe Anerkennung der Volksrepublik China wurde beispielsweise auch mit wirtschaftlichen Überlegungen begrĂŒndet. Gleichzeitig blieb Bern vorsichtig gegenĂŒber politischen Integrationsprojekten in Europa, da eine zu enge Bindung die NeutralitĂ€t gefĂ€hrden könnte. Diese Kombination aus Prinzipientreue und Pragmatismus prĂ€gte die Schweizer Außenpolitik ĂŒber Jahrzehnte.

Auch heute steht die NeutralitÀt wieder im Mittelpunkt politischer Diskussionen. Der internationale Kontext hat sich verÀndert, doch die Grundfrage bleibt Àhnlich: Wie kann ein kleiner Staat seine EigenstÀndigkeit bewahren, wenn er von einem dominierenden Machtblock umgeben ist?

Die aktuellen Auseinandersetzungen sind daher kein Ausnahmezustand, sondern Teil einer langen historischen Entwicklung. Die Schweizer NeutralitÀt war nie ein fertiges Konzept, sondern musste sich immer wieder an neue RealitÀten anpassen.

Umstritten ist die NeutralitĂ€t immer wieder. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass gerade die FĂ€higkeit zur Diskussion und zur Neubewertung ein Teil ihrer StĂ€rke sein kann. Es bleibt zu hoffen, dass auch die gegenwĂ€rtige Debatte und Volksabstimmung nicht zu einer SchwĂ€chung, sondern zu einer erneuten KlĂ€rung und StĂ€rkung des NeutralitĂ€tsverstĂ€ndnisses fĂŒhrt. Immerhin ist die Schweiz der NATO, der EU und der USA zum Beispiel mit der Übernahme der Ukraine-Sanktionen viel mehr entgegengekommen, als sie es in der Nachkriegszeit je tat.

Die Normalisierung beginnt nicht mit Gesetzen – sondern mit Bildern

Politik wird lĂ€ngst nicht mehr nur mit Gesetzen gemacht. Sie wird mit Bildern gemacht. Mit Emotionen. Mit Geschichten. Und manchmal mit Familienfotos – wie im Fall Jens Spahn, der sich gemeinsam mit seinem Mann Daniel Funke in den USA ein Leihmutter-Baby gekauft hat. Die Empörung schlug so hohe Wellen, dass Spahn von seinem Posten als Fraktionschef der deutschen Regierungspartei CDU/CSU zurĂŒckgetreten ist (wir berichteten hier und hier).

Die aktuelle Debatte um Jens Spahn dreht sich vordergrĂŒndig um die Frage der Leihmutterschaft. Doch auf einer zweiten Ebene geht es um etwas anderes: um die Verschiebung dessen, was gesellschaftlich als selbstverstĂ€ndlich gelten soll. Wer glaubt, die mediale Inszenierung der frisch gegrĂŒndeten Familie sei bloß eine private Angelegenheit, unterschĂ€tzt die Macht öffentlicher Symbolik.

Das sogenannte Overton-Fenster beschreibt genau diesen Prozess. Was gestern noch als ethisch hochproblematisch oder gar verwerflich galt, wird zunĂ€chst diskutiert, dann emotional aufgeladen und schließlich als normal prĂ€sentiert. Nicht ĂŒber Nacht, sondern Schritt fĂŒr Schritt.

Ein Ă€hnliches Muster war bereits bei der Debatte um den Busfahrer zu beobachten, der vor seinem Bus in Richtung Mekka betete. Auch dort ging es auf einer Metaebene um mehr als den Einzelfall. Solche VorfĂ€lle dienen hĂ€ufig als gesellschaftliche Testballons: Wie weit lĂ€sst sich eine Grenze verschieben? Wie groß ist der Widerstand? Wann schlĂ€gt Empörung in Gewöhnung um?

Erst wird ein Tabubruch kontrovers diskutiert, dann als Ausnahme relativiert und schließlich als Ausdruck einer neuen NormalitĂ€t prĂ€sentiert. Ob es um religiöse SonderansprĂŒche im öffentlichen Raum oder um die ethische Bewertung der Leihmutterschaft geht – das Muster der schrittweisen Gewöhnung erscheint erstaunlich Ă€hnlich. Nicht der Einzelfall steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob er dazu beitrĂ€gt, das gesellschaftlich Akzeptierte StĂŒck fĂŒr StĂŒck neu zu definieren.

Deshalb ist die eigentliche Geschichte nicht allein, dass ein fĂŒhrender CDU-Politiker einen Weg gewĂ€hlt hat, den seine Partei politisch ablehnt. Dieser Widerspruch ist offensichtlich und wird bereits breit diskutiert. Viel interessanter ist die Frage, warum ausgerechnet jetzt intime Familienbilder öffentlich verbreitet werden. Wem nĂŒtzt diese Inszenierung? Welches gesellschaftliche Signal soll sie senden?

Die Botschaft lautet unausgesprochen: Seht her, wir sind eine ganz normale Familie. Ein glĂŒckliches Baby. Liebevolle Eltern. Was sollte daran falsch sein?

Gerade so funktioniert gesellschaftliche Normalisierung. Die ethische Debatte wird in den Hintergrund gedrĂ€ngt, weil niemand als herzlos erscheinen möchte. Wer EinwĂ€nde erhebt, sieht sich schnell gezwungen, zunĂ€chst zu betonen, dass sich seine Kritik selbstverstĂ€ndlich nicht gegen das Kind oder gegen homosexuelle Eltern richtet. Die eigentliche Frage – ob Leihmutterschaft Frauen und Kinder zu Objekten eines Marktes macht – verschwindet hinter einer emotionalen ErzĂ€hlung.

Die beschönigende Vokabel «Leihmutterschaft» verdeckt dabei aus Sicht ihrer Kritiker, worum es tatsĂ€chlich geht: Ein Kind wird im Rahmen eines vertraglich geregelten und finanziell abgewickelten Prozesses fĂŒr Dritte ausgetragen und nach der Geburt an die Wunscheltern ĂŒbergeben. Deshalb sprechen viele nicht von Leihmutterschaft, sondern von Babykauf.

Traditionelle Feministinnen wie die Autorin des entsprechenden Artikels in der deutschen Zeitschrift Emma schlagen in diese Kerbe, oder etwas «sĂŒferli» wie man in der Schweiz sagt, die katholische Plattform kath.ch. Ob man diesen Begriff teilt oder nicht – genau darĂŒber mĂŒsste die Gesellschaft offen diskutieren, statt die ethische Kernfrage hinter Hochglanzbildern eines vermeintlich unpolitischen FamilienglĂŒcks verschwinden zu lassen.

Bemerkenswert ist dabei vor allem die politische GlaubwĂŒrdigkeit. Jens Spahn hat sich in der Vergangenheit selbst kritisch zur Leihmutterschaft geĂ€ußert; innerhalb der Union wird das Verbot weiterhin verteidigt. Gleichzeitig entschied er sich persönlich fĂŒr einen Weg, der in Deutschland nicht möglich gewesen wĂ€re und deshalb im Ausland beschritten wurde. Diese Diskrepanz hat selbst aus den eigenen Reihen erhebliche Kritik ausgelöst und zum RĂŒcktritt des Politikers gefĂŒhrt.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Eindruck entsteht, fĂŒr manche politische Eliten gĂ€lten andere MaßstĂ€be als fĂŒr den Rest der Gesellschaft. Ob wĂ€hrend der Corona-Zeit, bei der umstrittenen Maskenbeschaffung oder nun bei einer ethisch hoch umstrittenen Form der FamiliengrĂŒndung – Kritiker sehen ein Muster: Regeln gelten nur, solange sie andere binden und zuvorderst jeweils Jens Spahn. Wer ĂŒber Recht und Moral spricht, sollte sich selbst an denselben MaßstĂ€ben messen lassen.

Man muss diese Analyse nicht teilen. Aber man sollte zumindest erkennen, dass gesellschaftliche VerÀnderungen selten mit GesetzesÀnderungen beginnen. Sie beginnen mit Geschichten, Bildern und Gewöhnung. Erst wenn etwas emotional als normal empfunden wird, wÀchst spÀter die Bereitschaft, auch die rechtlichen Grenzen zu verschieben.

Genau deshalb ist die Debatte grĂ¶ĂŸer als Jens Spahn. Es geht nicht nur um einen Politiker oder seine private Entscheidung. Es geht um die Frage, wie ethische Grenzen verschoben werden: nicht zuerst durch GesetzesĂ€nderungen, sondern durch Bilder, Gewöhnung und Sprache. Wer den Babykauf sprachlich zur «FamiliengrĂŒndung» umdeutet, verĂ€ndert den moralischen Maßstab – lange bevor der Gesetzgeber ĂŒberhaupt zur Abstimmung gerufen wird.

J. P. Morgan: Der Mann, der nicht das meiste Geld besaß – aber die grĂ¶ĂŸte Macht hatte

Die Wall Street fĂŒrchtete ihn mehr als viele PrĂ€sidenten. Ein Anruf von ihm konnte Fusionen auslösen, MĂ€rkte beruhigen und das Schicksal ganzer Industrien bestimmen. Als die Vereinigten Staaten 1907 am Rand einer Finanzkrise standen, wartete das Land nicht auf Washington – es wartete auf einen privaten Banker: John Pierpont Morgan.

Jahrzehntelang galt Morgan als der mĂ€chtigste Mann der amerikanischen Wirtschaft. Er entschied mit, welche Unternehmen ĂŒberlebten, welche untergingen und welche zu neuen Giganten aufstiegen. Sein Einfluss reichte weit ĂŒber seine eigene Bank hinaus. Er war einer jener MĂ€nner, die nicht nur am Finanzsystem teilnahmen – sie prĂ€gten dessen Regeln.

Doch als Morgan im FrĂŒhjahr 1913 in Rom starb, offenbarte sein Testament eine ĂŒberraschende Tatsache: Der Mann, den viele fĂŒr den unangefochtenen Herrscher des amerikanischen Kapitalismus hielten, war persönlich gar nicht der reichste seiner Zeit.

Sein Vermögen wurde auf rund 80 Millionen Dollar geschĂ€tzt – nach heutiger Kaufkraft mehrere Milliarden. Eine gigantische Summe. Doch verglichen mit anderen Titanen des Industriezeitalters war Morgan kein Spitzenverdiener.

John D. Rockefeller besaß ein weit grĂ¶ĂŸeres Vermögen. Auch Andrew Carnegie ĂŒbertraf ihn deutlich. Andere Industrielle hatten mehr Fabriken, mehr Land, mehr Aktien und mehr persönliches Eigentum. Morgan musste nicht der reichste Mann sein. Er musste nur bestimmen können, wohin das Geld floss.

WĂ€hrend die großen Industriellen Fabriken, Stahlwerke und Ölkonzerne aufbauten, kontrollierte Morgan etwas Grundlegenderes: die Finanzierung. Er kaufte nicht unbedingt selbst die grĂ¶ĂŸten Unternehmen. Er entschied, welche Unternehmen Zugang zu Kapital erhielten, welche fusionierten und welche neu organisiert wurden. Seine StĂ€rke lag nicht im Besitz allein, sondern in der FĂ€higkeit, andere wirtschaftlich abhĂ€ngig zu machen.

Morgan verstand frĂŒh ein Prinzip, das die moderne Finanzwelt bis heute prĂ€gt: Wer den Zugang zu Geld kontrolliert, besitzt oft mehr Einfluss als jener, der lediglich viel Geld besitzt.

Die grĂ¶ĂŸte Demonstration seiner Macht erfolgte wĂ€hrend der Finanzkrise von 1907. Banken gerieten ins Wanken, Anleger verloren das Vertrauen, die Börse stĂŒrzte ab. Die Vereinigten Staaten verfĂŒgten damals noch ĂŒber keine Zentralbank (Federal Reserve) und keinen modernen Mechanismus zur Stabilisierung des Finanzsystems.

Morgan griff ein. Er versammelte die fĂŒhrenden Banker New Yorks und verdonnerte sie zu einer gemeinsamen Rettungsaktion. Private Milliarden wurden mobilisiert, Banken gestĂŒtzt und der Zusammenbruch verhindert.

FĂŒr viele Beobachter war dies ein beunruhigender Moment: Ein einzelner Privatmann hatte eine Aufgabe ĂŒbernommen, die eigentlich dem Staat hĂ€tte zufallen sollen.

Die Krise von 1907 wurde spĂ€ter zu einem wichtigen Argument fĂŒr die GrĂŒndung der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve im Jahr 1913. Die politische Schlussfolgerung war klar: Eine moderne Volkswirtschaft darf nicht davon abhĂ€ngig sein, dass ein einzelner Finanzmagnat im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen trifft.

Morgans eigentliches VermĂ€chtnis bestand deshalb nicht in den Millionen seines Nachlasses. Es bestand in einem Modell von Einfluss. Er zeigte, dass Macht im Kapitalismus nicht nur durch Besitz entsteht. Sie entsteht durch Netzwerke, Informationen und Kontrolle ĂŒber entscheidende Schnittstellen.

Mehr als hundert Jahre spĂ€ter ist dieses Prinzip aktueller denn je. Die grĂ¶ĂŸten Finanzakteure der Welt werden nicht allein daran gemessen, wie viel Vermögen sie besitzen, sondern daran, welchen Einfluss sie auf Unternehmen, Staaten und MĂ€rkte ausĂŒben.

Der historische Nachfolger von Morgans Bankhaus, JPMorgan Chase, gehört heute zu den mĂ€chtigsten Finanzinstituten der Welt. Unter FĂŒhrung von Jamie Dimon wurde der Konzern zu einem Symbol fĂŒr die Konzentration wirtschaftlicher Macht in wenigen HĂ€nden.

Die Frage, die schon zu Morgans Zeiten gestellt wurde, bleibt deshalb aktuell: Wer besitzt tatsĂ€chlich die Macht – jene, die ĂŒber das meiste Geld verfĂŒgen, oder jene, die entscheiden können, wohin das Geld fließt?

J. P. Morgans Testament lieferte eine unbequeme Antwort: Der grĂ¶ĂŸte Reichtum muss nicht auf einem Konto stehen. Manchmal liegt er in der FĂ€higkeit, die gesamte Wirtschaft in Bewegung zu setzen.

J. P. Morgan war einst der Mann, den Amerika in der Krise anrief. Mehr als ein Jahrhundert spĂ€ter steht sein Name weiterhin fĂŒr die Frage, wie viel Macht private Finanzakteure tatsĂ€chlich besitzen.

Der historische Nachfolger seines Bankhauses, JPMorgan Chase, gehört heute zu den mĂ€chtigsten Finanzinstituten der Welt. Unter FĂŒhrung von Jamie Dimon wurde der Konzern zu einem Symbol fĂŒr die Konzentration wirtschaftlicher Macht in wenigen HĂ€nden. Doch die Geschichte des Instituts zeigt auch die Schattenseiten dieser Macht: Im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein geriet JPMorgan wegen seiner langjĂ€hrigen GeschĂ€ftsbeziehung zu dem spĂ€ter verurteilten SexualstraftĂ€ter unter erheblichen öffentlichen Druck und in rechtliche Auseinandersetzungen.

Dabei ging es weniger um einzelne Personen als um eine grundsĂ€tzliche Frage: Wie funktionieren Kontrollmechanismen in globalen Finanznetzwerken, wenn Kunden ĂŒber Jahrzehnte Zugang zu einflussreichen Institutionen behalten? Die Verfahren rund um Epstein machten sichtbar, dass große FinanzhĂ€user nicht nur ĂŒber Kapital verfĂŒgen, sondern auch ĂŒber ein weitreichendes Netzwerk aus Kunden, EntscheidungstrĂ€gern und gesellschaftlichen Eliten.

Die Verbindung zwischen Epstein und JPMorgan ist deshalb ein modernes Beispiel fĂŒr ein altes Problem, das bereits in Morgans Zeit existierte: Macht entsteht nicht nur durch Geldbesitz, sondern durch Beziehungen, Informationen und Zugang zu zentralen Schaltstellen.

Die entscheidende Frage bleibt dieselbe wie vor ĂŒber hundert Jahren: Wer kontrolliert tatsĂ€chlich die Systeme, von denen Gesellschaften abhĂ€ngig sind – jene, die das meiste Vermögen besitzen, oder jene, die ĂŒber die Wege des Kapitals entscheiden?

J. P. Morgans VermÀchtnis war die Erkenntnis, dass Einfluss oft unsichtbarer ist als Reichtum. Die Debatten um moderne Finanzgiganten und ihre Verbindungen zu mÀchtigen Netzwerken zeigen, dass diese Frage bis heute nicht beantwortet ist.

540.000 Menschen stellten 2025 die Zahlung der «BBC»-RundfunkgebĂŒhr ein

Mehr als 500.000 britische Haushalte haben im vergangenen Jahr aufgehört, die BBC-RundfunkgebĂŒhr zu zahlen. Wie die Daily Mail berichtete, wurde die sinkende Zahl derjenigen, die die jĂ€hrliche Abgabe von 180 Pfund (etwa 212 Euro) zahlen, im Jahresbericht der BBC als grĂ¶ĂŸtes Finanzierungsrisiko identifiziert.

Derzeit sind im gesamten Vereinigten Königreich 23,3 Millionen TV-Lizenzen gĂŒltig – ein RĂŒckgang um 540.000 in den vergangenen zwölf Monaten –, wobei sich der RĂŒckgang laut den vom Sender veröffentlichten Zahlen beschleunigt hat.

Demnach ist der jĂ€hrliche RĂŒckgang fast doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr, als rund 300.000 Lizenzen wegfielen. Der Bericht warnte vor einem «stĂ€rkeren prognostizierten RĂŒckgang» in den kommenden Jahren.

Da die Einnahmen der BBC aus der RundfunkgebĂŒhr seit 2017 um rund 1,2 Milliarden Pfund (etwa 1,4 Milliarden Euro) gesunken sind, rĂ€umte der Vorsitzende des Unternehmens, Samir Shah, ein, dass schwerwiegende Fehler in der Berichterstattung «das Vertrauen in unseren Journalismus, das Vertrauen in die BBC als öffentliche Institution – und die Wahrnehmung beeintrĂ€chtigen, wie wirksam wir zur Rechenschaft gezogen werden».

Die Einnahmen der BBC sind in den vergangenen zehn Jahren um etwa ein Viertel zurĂŒckgegangen. Die RundfunkgebĂŒhr erwirtschaftet derzeit ungefĂ€hr zwei Drittel der jĂ€hrlichen Einnahmen des Unternehmens in Höhe von 5,9 Milliarden Pfund (etwa 6,95 Milliarden Euro).

Der neue Generaldirektor Matt Brittin erklĂ€rte, der Sender befinde sich an einem «Moment echter GefĂ€hrdung». Er deutete an, dass Reformen notwendig seien, und sagte, das derzeitige Modell der RundfunkgebĂŒhr «bindet uns an die Vergangenheit».


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