Ein Tor zur Hölle
In der westlichen Welt finden sich heute erschreckend viele Politiker und Medien, die den militĂ€rischen Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf die Islamische Republik Iran rechtfertigen oder sogar begrĂŒĂen. Getragen von jener uns so vertrauten Selbstgerechtigkeit glauben viele, die USA stĂŒnden hier erneut fĂŒr das Gute im Kampf gegen das Böse.
Gerade deshalb wĂ€re es dringend notwendig, innezuhalten und nachzudenken. Denn mit diesem Krieg begehen die USA und Israel ein Verbrechen von gewaltigem AusmaĂ â nicht nur am Iran, sondern letztlich auch an sich selbst und an uns allen. Dieser Krieg könnte ein Tor zur Hölle aufgestoĂen haben, an dessen Ende der Westen als Verlierer dasteht.
Dieser Krieg dĂŒrfte lange und blutig werden
Vieles mahnt an den Beginn des Irakkriegs 2003. Auch damals war ein amerikanischer PrĂ€sident geradezu besessen von der Idee, den Irak von seinem Diktator zu «befreien». Auch damals behauptete George W. Bush, das Regime verfĂŒge ĂŒber Massenvernichtungswaffen, vor denen die Welt geschĂŒtzt werden mĂŒsse. Und ein sich andienender britischer Premierminister Tony Blair erklĂ€rte sogar, Saddam Hussein könne London innerhalb von 15 Minuten angreifen. Nichts davon stimmte.
Der Krieg sollte rasch beendet sein; bereits einen Monat spĂ€ter verkĂŒndete Bush: «mission accomplished». Doch auch das erwies sich als Illusion. Der Irak versank in einem brutalen BĂŒrgerkrieg und auf den TrĂŒmmern des Landes entstand eine der gefĂ€hrlichsten Terrororganisationen unserer Zeit: der sogenannte Islamische Staat.
Viele der Iraker, die angeblich «befreit» werden sollten, zahlten mit ihrem Leben und mit der Zerstörung ihres Landes. SchÀtzungen sprechen von bis zu einer Million Toten, manche sogar von zwei oder drei Millionen. Die Folgen dieses Krieges lasten noch heute, 23 Jahre spÀter, schwer auf dem Irak.
An all das sollten wir uns erinnern, denn vieles scheint sich nun zu wiederholen. Die USA und Israel fĂŒhren heute Krieg gegen den Iran und begrĂŒnden dies mit angeblichen Atomwaffen â wohlwissend, dass der Iran keine Atombomben besitzt und auch keine baut. Wieder heiĂt es, die Iraner mĂŒssten «befreit» werden, wieder soll alles schnell gehen.
Doch im Iran könnten die Folgen der Invasion noch verheerender werden als im Irak. Die Bevölkerung ist doppelt so groĂ, hoch gebildet, und trotz interner Spannungen ist das Land organisatorisch stabiler. Es verfĂŒgt ĂŒber ein stĂ€rkeres MilitĂ€r, und sein politisches System bricht nicht durch die Eliminierung einzelner FĂŒhrungspersonen zusammen.
Zudem ist Iran heute Mitglied der BRICS und wird â wenn auch nicht offen â von Russland und China unterstĂŒtzt. WĂ€hrend die Bush-Regierung zumindest den Anspruch erhob, den Irak politisch und wirtschaftlich wiederaufzubauen, zielen die MaĂnahmen der USA und Israels heute ausschlieĂlich auf Zerstörung aus der Luft. Das wird die Lage mit Sicherheit nicht verbessern.
Könnten die USA und Israel auch diesen Krieg verlieren?
Entgegen den AnkĂŒndigungen von US-PrĂ€sident Donald Trump dĂŒrfte dieser Konflikt kaum rasch beendet sein. Vielmehr spricht vieles dafĂŒr, dass uns ein langer, Ă€uĂerst blutiger und verlustreicher Krieg bevorsteht â ein Krieg, den die USA und Israel sowohl militĂ€risch als auch politisch-moralisch verlieren könnten. Die Folgen wĂ€ren fĂŒr den gesamten Westen Ă€uĂerst gefĂ€hrlich.
Der Ausgang dieses Krieges könnte weniger auf dem Schlachtfeld als durch die internen politischen Entwicklungen jeweils im Iran, in den USA, in Israel und in den arabischen Nachbarstaaten entschieden werden. In dieser Hinsicht scheinen die USA und Israel im Nachteil zu sein.
Ihre Strategie â sofern man ĂŒberhaupt von einer klaren Strategie sprechen kann â setzt auf einen «Enthauptungsschlag». Die Hoffnung war, dass die rasche Ausschaltung der iranischen FĂŒhrung zu massiven AufstĂ€nden im Iran fĂŒhren und Teile der StreitkrĂ€fte auf die Seite der AufstĂ€ndischen wechseln wĂŒrden, so dass die Islamische Republik kollabiert.
Zwar scheint der Enthauptungsschlag gelungen zu sein, doch weder ein Aufstand noch ein militĂ€rischer Putsch haben sich bislang ereignet â trotz wiederholter Appelle Trumps. Wir befinden uns bereits am vierten Kriegstag, und die iranische FĂŒhrung hat diesen Schlag erstaunlich gut absorbiert. Von Spannungen zwischen den zahlreichen Machtzentren im Iran ist nichts bekannt.
Mit jedem weiteren Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit eines inneren Umsturzes. Damit wĂ€re die US-Israeli Strategie gescheitert. In den USA ist der Krieg Ă€uĂerst unpopulĂ€r â insbesondere unter Trump-WĂ€hlern, die seinem Versprechen vertraut hatten, keine neuen Kriege zu beginnen.
Mit jeder neuen Meldung ĂŒber Zerstörungen, ĂŒber zivile Opfer â darunter die 160 getöteten SchulmĂ€dchen â und ĂŒber gefallene US- Soldaten wird der innenpolitische Widerstand wachsen. Hinzu kommt die Gefahr eines politischen Bruchs zwischen den USA und Israel, deren Interessen in diesem Konflikt weit auseinandergehen.
Schon jetzt verliert Israel in den USA an RĂŒckhalt, selbst unter evangelikalen Gruppen im «Bible Belt». Der drastische Anstieg der Energiepreise infolge der Sperrung der StraĂe von Hormuz belastet die Stimmung zusĂ€tzlich.
Trump steht vor den Zwischenwahlen im November. Gelingt es ihm nicht, den Krieg rasch mit einem Sieg zu beenden, könnten die Wahlen fĂŒr ihn verheerend ausgehen. Ihm lĂ€uft die Zeit davon â wĂ€hrend sie fĂŒr den Iran arbeitet.
Es ĂŒberrascht daher nicht, dass Trump inzwischen mehrfach die Möglichkeit neuer Verhandlungen mit Teheran ins Spiel gebracht hat. Doch Teheran dĂŒrfte darauf kaum eingehen.
Auch in den arabischen Golfstaaten, die dicht mit US-MilitĂ€rbasen ĂŒbersĂ€t sind, könnte ein Umdenken einsetzen. Der Iran greift nicht nur die dortigen US-Basen an, sondern zunehmend auch Ziele in den Golfstaaten selbst.
Mit einfachen, kostengĂŒnstigen Drohnen zwingt er die USA und ihre Partner, teure und schwer ersetzbare Abwehrraketen einzusetzen. Viele Golfstaaten dĂŒrften sich deshalb fragen, wie belastbar die amerikanischen Sicherheitsgarantien tatsĂ€chlich sind â zumal die USA den iranischen Angriffen bislang wenig entgegensetzen konnten.
FĂŒr Israel stellt sich die Frage, wie lange es einem noch intensiveren iranischen Raketenbeschuss standhalten kann. Bereits jetzt durchbrechen iranische Raketen die Systeme «Iron Dome», «David's Sling» sowie Arrow 2 und 3. Die Lage könnte sich weiter zuspitzen. Israel hat sich mit diesem Krieg einem enormen Risiko ausgesetzt.
Keinen seiner jĂŒngeren Konflikte â weder in Gaza, der Westbank, in Syrien noch gegen die Hisbollah im Libanon oder die Huthi im Jemen â konnte es klar fĂŒr sich entscheiden. Eine Niederlage im Krieg gegen den Iran könnte den israelischen Staat daher vor bislang ungekannte existenzielle Herausforderungen stellen.
Der Krieg gegen den Iran fĂŒgt dem Westen schweren Schaden zu
Der Krieg gegen den Iran begann am 28. Februar mit einer Skrupellosigkeit, die kaum zu ĂŒberbieten ist. Noch wĂ€hrend vielversprechender Verhandlungen und entgegen allen internationalen Normen hat Israel durch einen massiven Raketenangriff einen GroĂteil der iranischen FĂŒhrung getötet â darunter den religiösen und staatlichen FĂŒhrer sowie Mitglieder seiner Familie in deren Residenz.
Die auf Al Jazeera gezeigten Bilder lassen nur pulverisierte Mauerreste erkennen; man wollte offenbar sicherstellen, dass niemanden ĂŒberlebt. Den Angriff als «Enthauptungsschlag» zu bezeichnen, zeugt bereits fĂŒr sich von einem tiefen moralischen Verfall. Dass auch die europĂ€ischen Regierungen zu diesem Vorgehen schweigen, wird den gesamten Westen auf lange Zeit schwer belasten.
Dabei hatten die iranischen UnterhĂ€ndler am 26. Februar in Genf bedeutende ZugestĂ€ndnisse gemacht. Ein hochrangiger US-Regierungsbeamter bestĂ€tigte dem Magazin Axios, dass erhebliche Fortschritte erzielt worden seien. Auch der omanische AuĂenminister, der als Vermittler fungierte, sprach von einem Durchbruch.
Noch am 27. Februar erklÀrte PrÀsident Trump, er ziehe eine diplomatische Lösung einem Krieg vor. Allerdings musste zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung zum Angriff am folgenden Tag bereits gefallen sein.
War es also â wie viele Beobachter vermuteten â so, dass die USA und Israel die Verhandlungen nur zum Schein fĂŒhrten, um die iranische Regierung in Sicherheit zu wiegen? Ein solcher Vorgang wĂ€re ein in der modernen Welt beispielloser Vertrauensbruch.
Dieser Krieg hat nicht nur das Vertrauen in die Aufrichtigkeit des Westens zerstört. Mit ihm wurde auch das auf der UN-Charta beruhende Völkerrecht endgĂŒltig zerstört â jenes Recht, das der Westen einst selbst geschaffen hat.
Das VerhĂ€ltnis zur UN-Charta war schon immer angespannt, insbesondere in Israel und den USA. Doch der Bruch im Zusammenhang mit dem Angriff auf den Iran ist beispiellos. Hatte PrĂ€sident George W. Bush 2003 noch â wenn auch vergeblich â versucht, ein Mandat des Sicherheitsrats fĂŒr den Irakkrieg zu erhalten, so hat PrĂ€sident Trump niemanden mehr gefragt, nicht einmal den eigenen Kongress.
Damit hat er das Tor zu einer Weltordnung weit aufgestoĂen, die sich ausschlieĂlich auf das Recht des StĂ€rkeren grĂŒndet. Dass all dies geschieht, ohne dass es in der westlichen Welt einen Aufschrei gibt, sagt viel ĂŒber den geistigen und moralischen Zustand unserer Gesellschaften aus.
Der Krieg wird zudem alle BemĂŒhungen untergraben, die Ausbreitung von Atomwaffen einzudĂ€mmen. Obwohl die USA und Israel behaupten, mit diesem Krieg die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen verhindern zu wollen, werden sie wohl das Gegenteil erreichen. Ihr Handeln wird in vielen LĂ€ndern die Ăberzeugung stĂ€rken, dass nur der Besitz von Atomwaffen vor solchen Angriffen schĂŒtzt.
Die USA und Israel â beide NuklearmĂ€chte â konnten den Iran nur angreifen, weil er eben keine Atomwaffen besitzt und auch nicht unmittelbar davorstand, welche zu entwickeln. HĂ€tte der Iran Atomwaffen, wĂ€re es mit hoher Wahrscheinlichkeit nie zu diesem Krieg gekommen.
Und was bedeutet all dies fĂŒr uns EuropĂ€er? Wieder einmal finden wir nicht die richtigen Worte und nicht die richtige Haltung. Wie schon im verlorenen Ukrainekrieg ĂŒbernehmen wir â ohne eigenen Einfluss â dieselbe kriegerische Rhetorik und dieselben hohlen DrohgebĂ€rden.
Doch lange nachdem sich die US-Amerikaner ĂŒber den Atlantik in Sicherheit gebracht haben, werden wir auf den TrĂŒmmern und den enormen Kosten eines verlorenen Iran-Krieges sitzen bleiben. Europa könnte so nicht nur fĂŒr einen verlorenen Ukraine-Krieg, sondern bald auch fĂŒr einen verlorenen Iran-Krieg die Rechnung bezahlen.
Einst hatten viele US-amerikanische Politiker bedauert, je in den Irak-Krieg gezogen zu sein. Den jetzigen Iran-Krieg werden wir alle schon bald als einen Kardinalfehler beklagen. Nur dann ist es zu spÀt. Das Unheil ist bereits angerichtet.
Michael von der Schulenburg arbeitete 34 Jahre fĂŒr die Vereinten Nationen und danach kurzzeitig fĂŒr die OSZE in vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt, zuletzt im Rang eines UN Assistant Secretary-Generals. Seit 2024 ist Schulenburg fĂŒr das BSW Mitglied des EuropĂ€ischen Parlaments und beschĂ€ftigt sich hauptsĂ€chlich mit auĂen- und sicherheitspolitischen Fragen.


