Das andere «Wort zum Sonntag» oder: Über das Schicksal hinaus
Zum wiederholten Male habe ich nun mitbekommen, dass die systemkritischen Menschen in Mitteldeutschland besser untereinander vernetzt sind als im Rest des Landes. «DDR-Erbe» hatte ich das in einem Chat Anfang der Woche genannt. Mein Gegenüber hatte erfasst, was ich damit gemeint hab: eine Solidarität unter der Oberfläche erzwungenen Mitmachens. Sie scheint dort vielen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, eine Art kollektiver Epigenetik.
«Ja, wer hätte das gedacht, dass Diktaturerfahrungen noch einmal so nützlich sein können!» schrieb sie zurück, mit einem Lach-Smiley versehen. Unwillkürlich kam mir der alte Professor Martin Anton Schmidt wieder in den Sinn. Bis Mitte der 80er Jahre hatte er an der Theologischen Fakultät in Basel Kirchengeschichte gelehrt. Seine Veranstaltungen hatte ich mit viel Gewinn besucht.
Mitten in einer Vorlesung über die «Kirchengeschichte des Mittelalters» wurde er ganz persönlich. Der nähere Zusammenhang ist mir entfallen, aber sein Bekenntnis, sein «Statement», bleibt mir unvergessen. Es bezog sich auf den Schluss der Josefs-Erzählung aus dem Alten Testament. Auf ärgste Weise von seinen eigenen Brüdern missbraucht, steht Josef − zu neuen Ehren gekommen − vor seinen früheren Übeltätern und spricht ihnen zu:
«Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.» 1. Mose 50, Vers 20
«Das ist der schönste Vers in der ganzen Bibel», bekannte Professor Schmidt in seiner schlichten Art. Ich habe diesen Moment nicht vergessen. Es kam so unverblümt und im besten Sinne normal aus ihm heraus, aus dem gelehrten Mann. Wenig später waren wir wieder bei den Fakten, den anderen.
Zu denen auch jene DDR-Prägungen gehören wie so vieles, vieles, von dem man ausrufen möchte und es oft auch tut: «Das hätt‘ ich wirklich nicht gebraucht! Darauf hätte ich gut und gerne verzichten können!» – Und mit einem Mal, vielleicht lange danach, war es dann doch «zu etwas gut», wie man so sagt.
Das Wort des Josef geht aber eine Schicht tiefer, sein Bogen greift eine Dimension höher. Er erkennt kein «doch irgendwie noch gnädiges Schicksal» an, sondern weiß sich ganz direkt von seinem Gott geführt und getragen. Was ist der Unterschied? Ein Schicksal bleibt irgendwie ominös und bedrohlich; man weiß nie so recht, wann und wo und wie es «zuschlägt» oder ob da und dort «das Universum» es halt doch gut mit einem meinen könnte.
«Gott gedachte es gut zu machen» − das hört sich nach einer Grund-Sicherheit an; zwar rückblickend, aber doch allumfassend. Jeder einzelne Schritt erscheint als ein Teil des letztlich guten Weges, über den Einer gewacht hatte. Dieser Eine ist zudem ansprechbar und nicht bestenfalls nur «diffus positiv». Sprachgeschichtlich bedeutet das Wort Gott «das anzurufende Wesen», und die soweit korrekte Übersetzung von Jahwe, einem der biblischen Gottesnamen, ist «der, der sich erweisen wird» (Luther: «Ich werde sein, der ich sein werde»; 2. Mose 3,14). Die fremde Macht, der «unbekannte Gott», wie ihn die alten Griechen nannten, «er ist nicht ferne von einem jeden unter uns» (Apg 17,27).
Zwischendurch merkt man das und staunt. «Wie treffend!» kommentierte mein Gegenüber diesen Hinweis auf die Josefserzählung, einen der «großen Stoffe der Weltliteratur», wie sie immer wieder genannt wird (hier zum Beispiel).
Schauen wir noch etwas genauer auf jenes Wort aus 1. Mose 50. Der gemeinsame Vater Jakob war gestorben. Die zwölf Brüder kehren samt Josef zurück nach Ägypten, wohin sie ihn vor vielen Jahren verkauft hatten. Auf harten Umwegen war er dann aber in höchste Positionen des Reiches aufgestiegen. Es könnte also für alle gut gesorgt sein − wäre da nicht das nagende schlechte Gewissen seiner nächsten Angehörigen und die Angst, er könne nun doch und erst recht seine Macht ausspielen und sich an ihnen rächen.
Wieder verfallen sie auf eine List: Ihr Vater habe zu seinen Lebzeiten darum gebeten, erklären sie, dass Josef ihnen doch vergeben möge, was sie ihm angetan hatten. Wie reagiert Josef darauf? Er «weinte, als man ihm solches sagte» (Vers 18). Bricht hier noch einmal der ganze alte Schmerz aus ihm heraus, angerührt durch diese emotionale Bitte? Es wäre zutiefst menschlich und verständlich. Denn wir versuchen ja oftmals, den direkten Erinnerungen auszuweichen, und kämpfen mit deren bloßem Echo. Wer das kennt, versteht, was ich meine.
Die Brüder jedenfalls sind in dieser Situation hilflos und setzen alles auf eine Karte. Sie «fielen vor ihm nieder» und nennen sich selber seine «Knechte» (Vers 19). «Joseph aber sprach zu ihnen:
Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.» 1. Mose 50,19f
Ein Lehrstück an Vergebung, diese Haltung. Dabei ist nicht einmal entscheidend, dass hier die Gegenseite ihre Schuld eingesehen und eingestanden hat, wie wir uns das oft wünschen, bevor wir so etwas wie eine Vergebung auch nur annähernd erwägen. Entscheidend ist der eine Satz: «Stehe ich denn an Gottes statt?» «Ist es denn an mir, die ganzen Zusammenhänge einzuordnen, zu bewerten, letzte Urteile zu fällen? Nein, das überlasse ich dem, der viel größer ist und der aus eurer Bosheit jetzt so viel Gutes bewirkt hat.»
Zu vielen Ereignisse und Verbrechen, die jetzt jedem von uns entgegentriggern, mögen vorletzte Urteile durchaus und hoffentlich noch gefällt werden. Die Rede vom Klicken der Handschellen ist beileibe kein unfrommer Wunsch. Aber jenseits von dem Übel, das uns schon entgegengebrandet ist, steht Einer, der unvorhergesehen Gutes draus machen kann. Als der will Er schon im voraus «angerufen» sein. Dann das ist sein «Wesen» als «Gott».
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Das andere «Wort zum Sonntag» vom 12. Juli 2026: «Programmierte Emotionen»
Lothar Mack war als Gemeindepfarrer und bei verschiedenen Hilfswerken und Redaktionen tätig. Sein kritischer Blick auf Kirche und Zeitgeschehen hat ihn in die Selbständigkeit geführt. Er sammelt und ermutigt Gleichgesinnte über Artikel und Begegnungen und ruft in Gottesdiensten und an Kundgebungen zu eigenständigem gläubigem Denken auf. Sein Telegram-Kanal lautet StimmeundWort.