Neue Studie nennt Tier-Tourismus «typischerweise ausbeuterisch»
Quelle: Vimeo-Kanal von PETA
In unseren Breitengraden beginnt die Urlaubszeit – und hier betrachten viele Menschen nach wie vor Tiere als selbstverständlichen Teil ihres Reiseerlebnisses: ob nun bei einem Elefantenritt in Thailand, einer Delfinshow in Mexiko, einem Kamelritt in Nordafrika, einer vermeintlich simplen Fahrt im Pferdewagen oder für ein Selfie mit Tigern und Affen.
Doch so niedlich die Tiere sind und so faszinierend das ist für uns Menschen, die wir uns in unserer Industriewelt weitgehend von wildlebenden Tieren abgeschottet haben, so sehr stellt eine neue wissenschaftliche Studie genau diese Selbstverständlichkeit infrage. Die Autoren argumentieren, dass die Debatte längst nicht mehr nur um Tierwohl gehen sollte. Die eigentliche Frage sei grundsätzlicher: Dürfen Tiere überhaupt als touristische Ressource genutzt werden?
Die Facharbeit trägt den Titel «From exploitation to thriving: Animal dignity in tourism» (Von Ausbeutung zu artgerechtem Leben: Die Würde der Tiere im Tourismus) und wird in der Juli-Ausgabe der angesehenen Fachzeitschrift Annals of Tourism Research erscheinen (online wurde sie schon publiziert).
Die Forscher zeichnen ein ernüchterndes Bild. Tiere seien im Tourismus traditionell als Attraktionen, Unterhalter, Transportmittel oder Trophäen eingesetzt worden. Entsprechend deutlich formulieren sie:
«Die Beziehung zwischen Tourismus und Tieren ist typischerweise instrumentell, wenn nicht sogar ausbeuterisch.»
Mit anderen Worten: Tiere werden häufig danach bewertet, welchen Nutzen sie für menschliche Erlebnisse stiften – nicht danach, was ihren eigenen Bedürfnissen entspricht.
Mehr als Tierwohl
Bemerkenswert an der Studie ist, dass sie bewusst über klassische Tierschutzargumente hinausgeht. Es gehe nicht nur darum, Leid zu verhindern oder die Haltung zu verbessern. Die Autoren plädieren stattdessen für den Begriff der Tierwürde.
Dahinter steht die Überlegung, dass Tiere nicht allein vor Schmerz geschützt werden sollten, sondern ein Recht auf ein artgerechtes Leben besitzen. Sie sollen sich frei bewegen, natürliche Verhaltensweisen ausleben und nicht auf ihre Funktion als touristische Dienstleister reduziert werden. Die Wissenschaftler schreiben:
«Tierwürde bietet eine neue Perspektive für den Schutz, das Wohlergehen und das Gedeihen von Tieren im Tourismus.»
Die Industrie der Tiererlebnisse
Die Debatte verschiebt sich damit von der Frage, wie Tiere genutzt werden sollten, hin zu der Frage, ob sie überhaupt genutzt werden sollten. Wie groß das Problem ist, zeigt eine Übersicht der Tierschutzorganisation PETA. Darin werden zahlreiche Tourismusangebote aufgeführt, die trotz wachsender Kritik weltweit weiterhin boomen. Dazu gehören:
- Elefantenritte und Elefantenbaden
- Delfinarien und Delfinshows
- Kutschfahrten
- Kamelreiten
- Selfies mit Wildtieren
- Tierdressuren und Vorführungen
- vermeintliche «Auffangstationen» mit direktem Tierkontakt
Besonders kritisch sehen Tierschützer den Trend zu angeblich «ethischen» Tiererlebnissen. Viele Reisende meiden heute klassische Zirkusse oder Shows, möchten aber weiterhin Elefanten füttern, Tiger streicheln oder mit Delfinen schwimmen.
Nach Ansicht von Tierschutzorganisationen ändert dies jedoch oft wenig am Grundproblem: Die Tiere bleiben Teil eines Geschäftsmodells, das auf menschliche Unterhaltung ausgerichtet ist.
Das gilt sogar für die Fahrt mit einem Pferdewagen zu den ägyptischen Pyramiden, die problemlos anmuten mag. Doch PETA hat in einem Video die Schattenseite der dortigen Tourismusindustrie aufgezeigt (siehe oben): Pferde und Kamele erhalten oft keine Nahrung, kein Wasser und keinen Schatten – oder viel zu wenig davon. Und sie müssen auch Misshandlungen wie wiederkehrendes Auspeitschen über sich ergehen lassen.
Mexiko als Symbol eines globalen Wandels
Wie stark sich die gesellschaftliche Wahrnehmung verändert, zeigt Mexiko. Dort wurde 2025 ein Gesetz verabschiedet, das Delfinshows und andere Formen der kommerziellen Unterhaltungsnutzung von Delfinen weitgehend verbietet. Wie Transition News berichtete, sind einzelne Anlagen zwar weiterhin in Betrieb, weil Übergangsfristen und juristische Fragen noch ungeklärt sind. Dennoch gilt das Gesetz als Meilenstein.
Der Fall zeigt, dass die Diskussion längst die politische Ebene erreicht hat. Was früher als harmlose Familienunterhaltung galt, wird zunehmend als ethisches Problem betrachtet. Die neue Studie richtet hier den Blick nicht allein auf Unternehmen oder Veranstalter, sondern auch auf die Reisenden selbst.
Warum möchten Menschen auf Elefanten reiten? Weshalb sind Delfinshows so beliebt? Warum erzielen Fotos mit exotischen Wildtieren in sozialen Netzwerken so hohe Aufmerksamkeit?
Die Forscher argumentieren, dass der Tourismus Tiere häufig in eine Rolle drängt, die ihren eigenen Interessen widerspricht. Tiere würden zu einem Mittel für menschliche Unterhaltung, Selbstdarstellung oder Abenteuerlust. Darin sehen sie einen grundlegenden Widerspruch zu der wachsenden gesellschaftlichen Anerkennung, dass Tiere einen Eigenwert besitzen.
Nun rückt eine grundlegendere Frage in den Vordergrund: Ist es überhaupt legitim, Tiere als Bestandteil touristischer Erlebnisse zu vermarkten? Die Autoren beantworten diese Frage nicht ausdrücklich mit einem Verbot. Doch ihre Argumentation läuft auf eine klare Verschiebung hinaus: Weg vom Gedanken des «besseren Umgangs» mit Tieren – hin zur Anerkennung, dass Tiere nicht in erster Linie Attraktionen, Transportmittel oder Unterhalter sind beziehungsweise sein dürfen.