WHO unter Druck – und Bern liefert Rückendeckung
Anlässlich der Eröffnung der 79. Weltgesundheitsversammlung (WHA) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 18. Mai in Genf hat die Schweizer Gesundheitsministerin, Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP/Jura), der Weltgesundheitsorganisation demonstrativ den Rücken gestärkt. Trotz massiver Sparmaßnahmen, Stellenabbau und wachsender internationaler Kritik bezeichnete die Gesundheitsministerin die WHO in ihrer Eröffnungsrede als «unersetzlich».
Die Botschaft aus Bern kommt zu einem politisch heiklen Zeitpunkt. Die WHO musste ihr Budget zuletzt um beinahe eine Milliarde Dollar reduzieren und rund 1300 Stellen abbauen. Gleichzeitig ringt die Organisation international um Vertrauen, Legitimation und Einfluss – insbesondere nach den massiven Kontroversen rund um die «Pandemie»politik der vergangenen Jahre.
Auffällig ist zudem die kommunikative Dramaturgie der letzten Tage: Während WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus erneut internationale Solidarität, globale Zusammenarbeit und die Bedeutung der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) betonte, rückten praktisch zeitgleich neue sogenannte internationale Gesundheitsbedrohungen in den Fokus der Öffentlichkeit.
Baume-Schneider würdigte in ihrer Rede ausdrücklich die Rolle der WHO bei der internationalen Reaktion auf das Hantavirus sowie den aktuellen Ebola-Ausbruch im Kongo. Besonders brisant: Nur wenige Tage, nachdem das mediale Interesse am Hantavirus deutlich abgeflaut war, wurde wegen Ebola erneut ein PHEIC – ein internationaler Gesundheitsnotstand – ausgerufen. Damit verschob sich die globale Aufmerksamkeit praktisch nahtlos von einer Krise zur nächsten.
Kritiker sehen darin ein altbekanntes Muster: Die WHO präsentiert sich in Zeiten globaler Unsicherheit als alternativlose Führungsinstanz – ungeachtet wachsender Skepsis gegenüber ihrer politischen Rolle und ihrer zunehmenden Einflussnahme auf nationale Gesundheitspolitiken.
Zusätzlichen Zündstoff liefert die jüngste Diskussion um das Hantavirus selbst. Laut dem deutschen Ökonomen Stefan Homburg habe die WHO gemäss eigenen Meldungen vom 17. Mai 2026 ihre ursprüngliche Einschätzung relativiert. Homburg spricht von einem «Fehlalarm». Ob tatsächlich eine Fehleinschätzung vorlag oder lediglich eine Neubewertung der Lage erfolgte, bleibt umstritten. Politisch heikel ist der Vorgang dennoch, weil er die Debatte um Verhältnismäßigkeit, Krisenkommunikation und internationale Alarmmechanismen neu anheizt.
Vor diesem Hintergrund wirkt das demonstrative Lob aus Bern wie gezielte politische SchĂĽtzenhilfe fĂĽr eine Organisation, die derzeit erheblich unter Druck steht. Denn parallel zur WHA stocken auch die Verhandlungen rund um den sogenannten PABS-Anhang des WHO-Pandemievertrags.
Ursprünglich war vorgesehen, den WHO-Pandemievertrag bereits an der diesjährigen Weltgesundheitsversammlung zu verabschieden. Tatsächlich liegt bislang jedoch lediglich ein (umstrittener) Entwurf des PABS-Anhangs vor. Die weiteren Arbeiten sollen nun bis zur WHA80 im Mai 2027 – oder früher im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung – fortgeführt werden.
Gerade dieser PABS-Anhang sorgt international für zunehmenden Widerstand. Kritiker warnen vor einem schleichenden Machttransfer weg von souveränen Nationalstaaten hin zu internationalen Netzwerken, Institutionen und privatwirtschaftlichen Interessen. Im Zentrum stehen Fragen der demokratischen Kontrolle, der Verteilung biologischer Daten und möglicher finanzieller Verpflichtungen für Staaten.
Für viele Beobachter geht es deshalb längst nicht mehr nur um technische Pandemievorsorge, sondern um eine grundsätzliche Machtfrage im globalen Gesundheitsrecht: Wer entscheidet künftig im Krisenfall – demokratisch legitimierte Staaten oder internationale Organisationen mit wachsendem Einfluss?
Der Zeitpunkt der politischen Inszenierung in Genf wirft deshalb Fragen auf. Soll das Vertrauen in die WHO gezielt stabilisiert werden? Dient die neue Krisenkommunikation dazu, festgefahrene Verhandlungen politisch abzusichern? Und erlebt die Ă–ffentlichkeit derzeit eine koordinierte Re-Legitimierung globaler Gesundheitsstrukturen?
Die Botschaft der Schweizer Gesundheitsministerin jedenfalls ist unmissverständlich: Die WHO soll trotz Krise, Kritik und Vertrauensverlust weiterhin als unverzichtbare globale Autorität wahrgenommen werden.
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