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Kaum beachtet von der Weltöffentlichkeit, bahnt sich der erste internationale Strafprozess gegen die Verantwortlichen und Strippenzieher der Corona‑P(l)andemie an. Denn beim Internationalem Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag wurde im Namen des britischen Volkes eine Klage wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gegen hochrangige und namhafte Eliten eingebracht. Corona-Impfung: Anklage vor Internationalem Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit! – UPDATE

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Radio München · Argumente gegen die Herrschaft der Angst - Dr. Wolfgang Wodarg im Gespräch


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Corona Transition

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Feed Titel: Transition News


«Europas Vorstoß für eine EU-Armee signalisiert den Beginn der Zersplitterung der NATO»

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez hat offen die Schaffung einer europäischen Armee gefordert und gewarnt, dass Europa angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen seine kollektiven Verteidigungsfähigkeiten stärken müsse. Laut dem US-Finanzanalytiker Martin Armstrong ist dies «Teil eines viel umfassenderen Wandels, der sich hinter den Kulissen vollzieht, während sich Europa still und leise auf eine Welt vorbereitet, in der die NATO in ihrer derzeitigen Form möglicherweise nicht mehr funktionieren wird». Diese vor wenigen Jahren politisch undenkbare Debatte habe an Dynamik gewonnen, da das Vertrauen in die Nachkriegsordnung bröckle. Armstrong erläutert:

«Ich habe wiederholt davor gewarnt, dass die NATO nie dafür gedacht war, auf unbestimmte Zeit zu bestehen. Sie war ein Bündnis des Kalten Krieges, das um die sowjetische Bedrohung herum aufgebaut und überwiegend von den Vereinigten Staaten finanziert wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor die NATO ihren ursprünglichen Zweck. Anstatt sich aufzulösen, dehnte sie sich nach Osten aus und wandelte sich von einem Verteidigungsbündnis zu einem geopolitischen Instrument, das dazu dient, Einfluss in ganz Europa und darüber hinaus auszuüben.»

Die USA würden sich zunehmend auf China und innenpolitische Instabilität konzentrieren, so der Finanzanalytiker weiter. Europa sehe sich gleichzeitig mit wirtschaftlicher Stagnation, Migrationskrisen, Staatsschuldenproblemen und Energieknappheit konfrontiert. Den europäischen Regierungen werde zudem bewusst, dass sie sich möglicherweise nicht mehr auf Washington als unangefochtenen Garanten ihrer Sicherheit verlassen können. Diese Erkenntnis sei der Grund für die Forderungen nach einer europäischen Militärstruktur.

Der Zeitpunkt sei entscheidend: Die Militärausgaben auf dem gesamten Kontinent steigen explosionsartig. Die NATO-Mitglieder stünden unter Druck, ihre Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des BIP anzuheben. Armstrong gibt zu bedenken:

«Was dies besonders gefährlich macht, ist, dass es Europa an politischer Einheit mangelt, während es über militärische Einheit spricht. Spanien selbst hat sich im Iran-Konflikt bereits öffentlich von Teilen der NATO distanziert, indem es eine offensive Beteiligung ablehnte und sich von Washingtons Position abgrenzte. Das offenbart die zentrale Schwäche innerhalb des Bündnisses. Sobald die Mitgliedstaaten bei großen Konflikten unterschiedliche Positionen einnehmen, beginnt der Zusammenhalt zu bröckeln.
Frankreich strebt nach strategischer Autonomie. Deutschland will die militärische Führungsrolle übernehmen. Osteuropa wünscht sich eine maximale Konfrontation mit Russland. Südeuropa ist eher besorgt über wirtschaftliche Instabilität und Migration. Großbritannien bleibt Washington verbunden, hat aber selbst mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das sind keine einheitlichen Ziele. Es handelt sich um konkurrierende Interessen, die vorübergehend durch Angst und Unsicherheit zusammengehalten werden.»

Der Finanzanalytiker weist darauf hin, dass sich Europas wirtschaftliche Grundlage gleichzeitig abschwächt. Die Netto-Null-Politik habe die Energiepreise in die Höhe getrieben, die Industrie wandere ab, die Verschuldung steige weiter an und das Wachstum stagniere in weiten Teilen des Kontinents. Dennoch würden die Regierungen gleichzeitig eine massive militärische Aufrüstung diskutieren. Historisch gesehen führe diese Kombination eher zu innerer Instabilität als zu langfristiger Stärke.

Die Ironie sei, dass Europa Jahrzehnte damit verbracht habe, Grenzen abzubauen, nationale Armeen zu verkleinern und die Idee zu fördern, dass Krieg zwischen Großmächten überholt sei. Nun diskutiere dieselbe politische Klasse über «Militär-Schengen»-Systeme, um Truppen schnell durch Europa zu verlegen, und debattiere offen über nukleare Abschreckung unabhängig von den USA. Armstrong stellt fest:

«Der Kriegszyklus dreht sich schon seit Jahren, und was Sie derzeit beobachten, ist die Reaktion der Institutionen darauf. Die Regierungen spüren, dass sich das geopolitische Umfeld verschlechtert, und versuchen daher, die militärische Macht zu zentralisieren, bevor die Krise voll ausbricht. Historisch gesehen führt die Schaffung größerer supranationaler Militärstrukturen jedoch oft zu einer Verschärfung der Spannungen, da sie die Ängste unter den Rivalen schürt und die Flexibilität der Mitgliedstaaten einschränkt.»

Das größere Problem sei, dass eine europäische Armee die NATO selbst schwächen würde. Mit eigenen Kommandos und unabhängigen Militärstrukturen würde Europa sich von Washington lösen – und die NATO verliere nach und nach an Bedeutung. Armstrong schließt:

«Was Politiker nun öffentlich zugeben, ist, dass sie nicht mehr voll und ganz darauf vertrauen, dass die bestehende Struktur die nächste große Krise überstehen wird. Sobald Allianzen beginnen, ihre eigene Zukunft offen infrage zu stellen, hat die Fragmentierung hinter den Kulissen bereits begonnen.»

«Methodisches Fundament von ‹Hantavirus›-Nachweis ist – bei allem Respekt – erbärmlich schwach»

In diesen Tagen beherrscht das sogenannte «Hantavirus» die Schlagzeilen. Ein Cluster von Erkrankungen auf dem Expeditionsschiff MV Hondius hat weltweit für Aufregung gesorgt. Die WHO informierte über den angeblichen «Ausbruch», Quarantänemaßnahmen wurden eingeleitet – und die Systemmedien schalteten in den Krisenmodus. Und das mRNA-«Impf»-Projekt dazu läuft schon seit 2023 (TN berichtete).

Das Ganze erinnert arg an die Corona-Inszenierung, und auch hier stellt sich – genau wie bei SARS-CoV-2* – die Frage: Wurde das, was da als Hantavirus präsentiert wird, überhaupt als ein solches solide nachgewiesen? Dieser Frage ist NEXT LEVEL jetzt nachgegangen. Ergebnis:

«Die berühmte Arbeit von Lee et al. aus dem Jahr 1978 gilt bis heute als Primärpublikation zum ‹Hantavirus›. Und wenn man diese Studie genau liest, bleibt von einem Virusnachweis nichts übrig. Das methodische Fundament ist – bei allem Respekt – erbärmlich schwach.»

So gingen die Forscher um Ho Wang Lee folgendermaßen vor: Sie nahmen Lungenhomogenat (zerstampfte Lunge) von wild gefangenen Feldmäusen oder einen Mix aus Patienten-Serum und Maus-Material. Dieses Material wurde intraperitoneal (in die Bauchhöhle) oder auch in andere Bereiche injiziert. Ziel war es, den vermeintlichen Erreger in diesen Mäusen zu vermehren.

Danach wurden diese inokulierten Mäuse nach einigen Wochen getötet, ihre Lungen entnommen, diese in Scheiben geschnitten und als Antigen-Präparation für den Immunfluoreszenz-Test verwendet. Hintergrund: Man ging davon aus, dass die gestreiften Feldmäuse das natürliche Reservoir des Erregers sind. Daraufhin wurden diese Proben mit Patientenseren (als Antikörper-Quelle) vermengt. Die Autoren gingen davon aus, dass diese Seren spezifische Antikörper gegen den hypothetischen Erreger enthalten.

Anschließend wurde ein fluoreszenzmarkierter Sekundärantikörper (anti-human-IgG, chemisch gekoppelt mit einem Fluorochrom, klassischerweise Fluorescein-Isothiocyanat, kurz FITC) hinzugefügt. Dieser bindet an die menschlichen Antikörper, die sich zuvor an das «Antigen» im Mäusegewebe gebunden haben. Unter dem Fluoreszenzmikroskop (mit UV-Licht angeregt) leuchtet dann das gebundene FITC gelb-grün auf.

Anschließend untersuchten sie die Organe der Versuchstiere mithilfe der Immunfluoreszenz – einer Technik, die im Mikroskop künstliche Lichtsignale produziert, wenn bestimmte Antikörper binden.

Das zentrale Problem: Ein echter Virusnachweis im klassischen Sinne gelang nicht. Die Autoren räumen selbst ein, dass sich der vermeintliche Erreger weder in verschiedenen Zellkulturen noch in Labortieren kultivieren ließ. Und obwohl die Mäuse mit dem angeblichen «Hantavirus-Material» inokuliert wurden, wurden sie nicht krank. Weder die wild gefangenen noch die experimentell behandelten Tiere entwickelten jemals sichtbare Anzeichen einer Erkrankung – was die Autoren selbst explizit erwähnen. Es wurde also keine übertragbare Krankheit, sondern lediglich ein Labor-Signal erzeugt.

Das Herzstück der Studie bildet also ein immunfluoreszenzbasiertes «Nachweis»system. Gewebe aus den Mäuselungen diente als «Antigen», die Patientenseren als Quelle für «Antikörper». Das dabei entstehende Leuchten im Mikroskop wurde als Beleg für die Anwesenheit des Erregers interpretiert. Die Autoren selbst beschreiben dieses Vorgehen jedoch offen als «admittedly circular skeleton» – also als zugegebenermaßen zirkuläres Gerüst. Denn man verwendete das Signal, um die Existenz des Erregers zu belegen, und definierte den Erreger zugleich über eben dieses Signal. Ein klassischer Zirkelschluss.

Hinzu kommen erhebliche Schwierigkeiten bei der Interpretation: Die Intensität und Ausdehnung der Fluoreszenz ließen sich nur schwer bewerten, wie die Forscher einräumen. Auch bei den angeblichen Isolaten aus Patientenseren bleiben Zweifel. Die Autoren schreiben, dass sie diesen nicht mit «unequivocal security» (uneingeschränkter Sicherheit) vertrauen könnten, weil für die Versuche Tiere vom koreanischen Festland verwendet wurden – aus Regionen, in denen solche Fluoreszenzsignale bei Wildmäusen bereits natürlich vorkommen.

Belastbare Negativkontrollen mit garantiert signalfreien Tieren waren damit nicht gewährleistet. Trotz dieser Einschränkungen – fehlende Kultivierung, ausbleibende Krankheitssymptome bei den Versuchstieren und ein zirkuläres Nachweissystem – wurde diese Arbeit zum Grundstein des Hantavirus-Konzepts. Sie legte den Grund für spätere Forschungen und die Einordnung des Erregers in die heutige Virologie.

Statt eines klar definierten, isolierbaren Partikels, das bei gesunden Tieren oder Menschen reproduzierbar typische Symptome auslöst, bleibt nur ein indirektes Labor-Signal. Die Debatte um die Hantavirus-Studie von Lee et al. zeigt exemplarisch, wie sehr etablierte virologische Konzepte auf Interpretationen und technischen Signalen beruhen.

* Siehe dazu den OffGuardian-Artikel «Phantom Virus: In search of Sars-CoV-2» von Konstantin Demeter, Stefano Scoglio und mir sowie den TN-Beitrag «Virusnachweis, wo bist du? Teil II – eine Replik auf Michael Palmer» von Marvin Haberland, Konstantin Demeter und mir.

Imperium in Schutt und Asche (Teil 4): Reform eines zerstörerischen Systems reicht nicht

Ich sage, dass Menschen keine wirksame Massenbewegung genau in dem Moment aufbauen können, in dem sie diese plötzlich brauchen. Vertrauen, Beziehungen, organisatorische Erfahrung und soziale Infrastruktur entstehen nicht spontan. Sie müssen bereits existieren. Genau diese Grundlagen hat die USA nach meiner Auffassung in den letzten Jahrzehnten systematisch zerstört.

Nun brauchen die Menschen Solidarität und kollektive Stärke, aber die Voraussetzungen dafür fehlen. Die Menschen wissen nicht mehr, wie sie tragfähige Gemeinschaften aufbauen, und oft wollen sie die dafür notwendige Arbeit auch nicht leisten. Sie wünschen sich die Vorteile von Organisation und Zusammenhalt, ohne Opfer zu bringen, Konflikte auszuhalten oder langfristig Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Ich erkläre, dass das US-amerikanische System nicht versagt. Es funktioniert vielmehr genau so, wie seine Kultur es hervorbringt. Viele Menschen fragen mich ständig nach einer Lösung. Doch ich antworte: Niemand kann eine Lösung finden, solange das eigentliche Problem nicht benannt wird.

Die Frage lautet: Welche Menschen bringt das System hervor?

Die Frage lautet nicht einfach: Wie reparieren wir das politische System? Die tiefere Frage lautet: Welche Kultur bringt dieses System hervor, und welche Art von Menschen erzeugt diese Kultur? Ich argumentiere, dass Amerika zuerst verstehen muss, was es tatsächlich ist – nicht, was es vorgibt zu sein. Zwischen Selbstbild und Wirklichkeit besteht aus meiner Sicht eine gewaltige Lücke.

Um das zu erklären, spreche ich über das Milgram-Experiment. Dort verabreichten ganz normale Menschen, die glaubten, an einer wissenschaftlichen Studie teilzunehmen, auf Anweisung einer Autoritätsperson vermeintlich immer stärkere Stromschläge an eine andere Person. Obwohl die angeblich Betroffenen um Hilfe schrien, Schmerzen äußerten und schließlich verstummten, machten die meisten weiter.

Viele Menschen deuten dieses Experiment so, als zeige es nur, wie manipulierbar Menschen seien oder wie stark sozialer Druck wirke. Ich widerspreche dieser Lesart. Für mich zeigt das Experiment etwas anderes: Es offenbart eine Kultur, in der Macht selbst Legitimität erzeugt.

Menschen respektieren brutale Autorität nicht trotz ihrer Härte, sondern gerade wegen ihr. Wer Macht besitzt, erscheint legitim. Wer verliert, gilt als selbst verantwortlich für sein Leid. Ich argumentiere, dass sich diese Haltung durch die gesamte amerikanische Kultur zieht. Gewinnen steht über allem.

Erfolg bedeutet Dominanz. Sprache verrät diese Werte: Unternehmen wollen Konkurrenten vernichten, Märkte beherrschen und Gegner zerstören. Wenn ein Konzernchef riesige Vermögen anhäuft, während Angestellte kaum leben können, sehen viele darin keinen moralischen Widerspruch. Im Gegenteil: Es erscheint als Beweis erfolgreichen Handelns. Der Gewinner bekommt alles.

Dasselbe gilt für politische Korruption. Wenn Milliardäre Macht kaufen, interpretieren viele Menschen dies nicht als Verrat am System, sondern als Ausdruck von Erfolg innerhalb des Systems.

Ich sage, dass die Gewalt und Ausbeutung, die westliche Staaten und Eliten über Jahrzehnte in anderen Ländern betrieben haben, nicht im Gegensatz zu westlichen Werten stehen. Sie folgen denselben kulturellen Grundlagen.

Menschen identifizieren sich mit den Gewinnern

Die amerikanische Ursprungsgeschichte handelt vom Siedler, der Land nimmt, indigene Menschen verdrängt oder vernichtet und seine Expansion moralisch rechtfertigt. Solche Ursprungsgeschichten verschwinden nicht. Sie formen Generationen. Sie lehren Menschen, was als Stärke gilt und wer moralische Berechtigung besitzt. Wer gewinnt, gilt als überlegen. Wer verliert, hat nach dieser Logik versagt.

Deshalb organisieren sich Menschen selbst dann kaum, wenn Nachbarn ihr Zuhause verlieren oder wenn Arbeiter gegen ihre eigenen Interessen stimmen. Viele identifizieren sich nicht mit anderen Menschen in ähnlicher Lage. Sie identifizieren sich mit den Gewinnern. Sie hoffen, selbst irgendwann reich, mächtig und unangreifbar zu werden. Deshalb wollen sie Regeln nicht verändern. Sie hoffen, eines Tages selbst von denselben Regeln zu profitieren. Diese Lotterie-Mentalität verhindert Solidarität.

Ich sage, dass dieselbe Kultur sowohl die Eliten als auch die Unterdrückten prägt. Gewalt, Dominanz und Ausbeutung werden von oben und unten verinnerlicht. Wenn Menschen dann selbst unter Druck geraten, reagieren sie oft mit derselben Denkweise, die das Problem überhaupt hervorgebracht hat: Wut, Schuldzuweisung und der Wunsch nach schneller Zerstörung statt langfristigem Aufbau.

Ich erkläre außerdem, dass Menschen nur zu dem fähig sind, worauf ihre Gesellschaft sie vorbereitet. Deshalb spreche ich über staatsbürgerliche Bildung. Millionen Menschen wissen kaum etwas darüber, wie ihre Regierung funktioniert, welche Rechte sie besitzen oder wie politische Prozesse ablaufen. Viele Schüler können grundlegende Fragen zum politischen System nicht beantworten. Manche erklären dies mit unterfinanzierten Schulen oder schlechten Lehrplänen.

Ich erkenne diese Faktoren an, stelle aber eine andere Frage: Warum akzeptiert eine Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, überhaupt, dass staatsbürgerliche Bildung verschwindet? Wenn Demokratie tatsächlich ein Kernwert wäre, hätte diese Entwicklung massiven Widerstand ausgelöst. Dass dies nicht geschieht, zeigt mir, dass Demokratie oft eher eine symbolische Rolle spielt.

Bildung dient in der amerikanischen Vorstellung vor allem dazu, Menschen wirtschaftlich verwertbar zu machen. Schulen bereiten auf Arbeit vor, nicht auf politische Selbstregierung. Menschen lernen, wie sie erfolgreich konkurrieren, aber nicht, wie sie gemeinsam handeln oder Institutionen kontrollieren. Das Ergebnis ist eine Bevölkerung, die politische Macht kaum versteht und deshalb Schwierigkeiten hat, ihr wirksam entgegenzutreten.

Soziales Vertrauen erodiert

Dazu kommt der Zusammenbruch sozialen Vertrauens. Ich verweise auf Umfragen, die zeigen, dass immer weniger Menschen glauben, anderen vertrauen zu können. Das Misstrauen gegenüber Medien, Unternehmen, religiösen Institutionen, Banken, Politik und selbst Nachbarn nimmt zu. Mich überrascht das nicht.

Eine Gesellschaft, die Menschen ständig vermittelt, dass jeder zuerst an sich selbst denken muss, zerstört die Grundlage gegenseitigen Vertrauens. Vertrauen entsteht nur, wenn Menschen glauben, dass andere ihr Wohlergehen ebenfalls ernst nehmen. Doch die kulturelle Botschaft lautet häufig: Jeder kämpft allein.

Parallel dazu zerfallen Organisationen und gemeinschaftliche Strukturen. Gewerkschaften verlieren Mitglieder, Vereine verschwinden, Nachbarschaften lösen sich auf. Menschen verbringen selbst ihre Freizeit zunehmend isoliert. Ich greife das Bild des «Bowling Alone» auf: Menschen gehen zwar noch bowlen, aber nicht mehr gemeinsam. Das klingt zunächst unbedeutend, ist für mich aber ein Symbol kultureller Vereinzelung. Wer nie gemeinsam handelt, lernt keine Solidarität. Wer keine Teams bildet, entwickelt keine Fähigkeit zu langfristiger Organisation.

Ich betone, dass jede erfolgreiche Widerstandsbewegung auf bereits vorhandenen Strukturen aufbaute. Die Bürgerrechtsbewegung entstand nicht aus dem Nichts. Arbeiterbewegungen entstanden nicht spontan. Antikoloniale Kämpfe bauten auf Gemeinschaften, religiösen Netzwerken, Organisationen und Loyalitäten auf, die bereits vorhanden waren.

Niemand erschafft eine belastbare Massenbewegung in dem Augenblick, in dem sie dringend gebraucht wird. Vertrauen muss wachsen. Beziehungen müssen bestehen. Organisatorische Fähigkeiten müssen vorher entwickelt werden. Genau diese Grundlagen fehlen heute.

Ich sage zudem, dass sogar die Fähigkeit zum konzentrierten Denken geschwächt wird. Digitale Plattformen profitieren davon, Aufmerksamkeit einzufangen und Menschen ständig neuen Reizen auszusetzen. Kurze Videos, endloses Scrollen und dauernde emotionale Trigger zerstückeln Aufmerksamkeit. Menschen wechseln permanent zwischen Bildschirmen, Themen und Reizen. Die Fähigkeit, längere Zeit über komplexe Fragen nachzudenken, geht verloren.

Doch echte politische Organisation verlangt genau das Gegenteil. Menschen müssen lange Texte lesen, komplexe Probleme durchdenken, Besprechungen aushalten, Frustration ertragen und über Jahre auf Ziele hinarbeiten, ohne unmittelbare Ergebnisse zu sehen. Langfristige Bewegungen entstehen aus Geduld, Konzentration und Disziplin. Wenn Aufmerksamkeit systematisch zerstört wird, verliert die Gesellschaft eine zentrale Voraussetzung kollektiven Handelns.

Hinzu kommt eine fragmentierte Informationswelt. Menschen leben zunehmend in voneinander getrennten Wirklichkeiten. Algorithmen zeigen Inhalte, die bestehende Überzeugungen bestätigen, statt gemeinsame Grundlagen zu schaffen. Es geht nicht nur um unterschiedliche politische Meinungen. Menschen teilen oft nicht einmal dieselbe Vorstellung davon, was Realität ist. Ohne ein Mindestmaß gemeinsamer Wirklichkeit können keine stabilen Koalitionen entstehen.

Gewaltfreie Bewegungen waren ĂĽber lange Zeit erfolgreicher

Ich spreche auch ĂĽber historische Forschungen zu Widerstandsbewegungen. Gewaltfreie Bewegungen waren ĂĽber lange Zeit erfolgreicher als gewaltsame. Doch ihre Erfolgsquote sinkt. Ein Grund liegt darin, dass Staaten raffiniertere Mittel der Repression entwickeln: Ăśberwachung, digitale Kontrolle, finanzielle Sanktionen, juristische Verfolgung und Infiltration.

Ein zweiter Grund liegt für mich in der Oberflächlichkeit moderner Bewegungen. Menschen mobilisieren sich schnell über soziale Medien, versammeln sich für kurze Zeit und lösen sich wieder auf. Es fehlt strategische Tiefe. Aktivismus wird emotional, symbolisch und performativ.

Ich argumentiere, dass Amerika keinen eigentlichen moralischen Verfall erlebt. Vielmehr fällt die Maske. Die Gesellschaft wird nicht barbarisch – sie zeigt offener, was sie immer war. Werte wie Moral, Demokratie oder Aufklärung verlieren ihre dekorative Funktion, während Macht direkter ausgeübt wird. Gewalt bleibt ein grundlegender Bestandteil der politischen Kultur.

Deshalb kritisiere ich impulsive Zerstörung als Form von Widerstand. Wenn ein frustrierter Arbeiter ein Gebäude anzündet, richtet sich die Wut oft gegen Menschen in ähnlicher Lage statt gegen tatsächliche Machtzentren. Solche Handlungen machen Eliten nicht nervös. Für sie wirken sie wie ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung desorganisiert, strategielos und ungefährlich bleibt.

Was Machtstrukturen tatsächlich bedroht, ist nicht spontane Wut, sondern geduldiger Aufbau lokaler Alternativen, gemeinschaftlicher Strukturen und paralleler Institutionen. Doch genau jene Fähigkeiten – Vertrauen, langfristiges Denken, kollektive Orientierung – sind kulturell abgebaut worden.

Meine Schlussfolgerung lautet, dass eine räuberische Kultur zwangsläufig ein System hervorbringt, das Menschen produziert, die diesem System nicht wirksam widerstehen können.

Die Gesellschaft erschafft Menschen, die fragmentiert, misstrauisch, politisch ungebildet und organisatorisch schwach sind. Das System versagt nicht, sondern reproduziert sich erfolgreich.

Am Ende vertrete ich die Position, dass es nicht darum gehen soll, ein zerstörerisches System zu retten oder zu reformieren. Wer nur reformieren will, verlängert das Leiden derjenigen, die weltweit unter dessen Folgen litten. Ich verwende das Bild eines sinkenden Schiffes: Die Aufgabe besteht nicht darin, die Titanic zu flicken, sondern etwas Neues aufzubauen – auf anderem Boden und mit anderen Werten.

***

Dieser vierte und letzte Teil ist in ausführlicher deutscher Übersetzung am 1. Mai auf Seniora.org erschienen. Teil 1 «Falsche Flammen des Widerstands», Teil 2 «Der Zusammenbruch in Zahlen» und Teil 3 «Der Ausverkauf Amerikas – Wie die Elite das Land ausschlachtet» hat TN auch in kompakter Form veröffentlicht.

Shahed Bolsen ist ein politischer Autor und Analyst, der sich kritisch mit Kapitalismus, Machtstrukturen, Aufstandsbekämpfung und staatlicher beziehungsweise unternehmerischer Überwachung auseinandersetzt. Der in den USA Geborene versteht sich selbst als Muslim und formuliert seine politischen Analysen teilweise aus einer Perspektive, die Erfahrungen aus muslimischen Gesellschaften (unter anderem Nahost/Ägypten-Kontext nach dem Arabischen Frühling) einbezieht.

Die Neutralität als Errungenschaft der Aufklärung

Nach dem 30-jährigen Krieg setzte der Westfälische Friede 1648 unter anderem mit den Grundsätzen der Amnestie hinsichtlich der Kriegsbeteiligten und der Toleranz gegenüber der Religion wichtige friedenspolitische Akzente. Dies waren auch zentrale Elemente einer Frühaufklärung, die später mit der Ausarbeitung des Völkerrechts (u.a. Emer de Vattel als Vertreter der Westschweizer Naturrechtsschule) und mit dem Menschenrechts-Diskurs fortgesetzt wurde.

Solche Elemente waren auch für die neutrale Eidgenossenschaft wichtig, die in die kriegerischen Auseinandersetzungen, vor allem mit den «Bündner Wirren», einbezogen wurde. Die Schweiz wurde zudem mit dem Westfälischen Frieden ein souveränes Land. 26 Jahre danach, nämlich 1674, bezeichnete die eidgenössische Tagsatzung die Schweiz erstmals offiziell als «neutrales Land». Allerdings war der Abschluss von Defensivbündnissen nach wie vor zulässig und die Eidgenossenschaft war in zahlreiche Allianzen verstrickt. Das führte zu Widersprüchen und machtpolitische Interessen lähmten immer wieder eine friedliche Entwicklung. Trotzdem brachte die erklärte Neutralität der multikulturellen und multireligiösen Schweiz zunehmend die angestrebte Einheit.

Der Eidgenossenschaft gelang es dann auch gut, sich aus den europäischen Glaubens-, Eroberungs- und Erbfolgekriegen der frühen Neuzeit herauszuhalten. 1647 hatte auch mit der «Defensionale von Wil», der ersten eidgenössischen Wehrordnung, die bewaffnete Neutralität immer mehr Gestalt angenommen. Die Eidgenossenschaft regte auch dank der Neutralität im Rahmen der Außenpolitik umfassende Schiedsgerichtsverfahren an und machte sich als Vermittlerin einen Namen. Auch die Solddienste wurden immer mehr kritisiert und schließlich verboten.

Was bedeutet die Schweizer Neutralität?

Der Wiener Kongress 1815 und die Gründung des Bundesstaates 1848 waren wichtige Wegmarken, um die schweizerische Neutralität national und international zu stärken. Die Haager Friedensordnung von 1907 ergänzte das neutrale Fundament der Eidgenossenschaft entscheidend. Auch wenn über 100 Jahre alt, gilt diese Friedensordnung heute immer noch als Völkergewohnheitsrecht. Darin werden die Rechte und Pflichten eines neutralen Landes festgehalten.

Das sind Grundsätze, die auf die Errungenschaften der Aufklärung und des modernen Naturrechts hinweisen. Das bedeutet im Kern die Nichtbeteiligung der Schweiz an einem Krieg anderer Staaten (heute zusätzlich flankiert von einer möglichst strengen Kriegsmaterialgesetzgebung). Sie darf niemanden angreifen und an keinen militärischen Bündnissen (zum Beispiel heute die NATO) teilnehmen. Die Schweiz muss weiter im Rahmen der bewaffneten Neutralität ihre Selbstverteidigung sicherstellen und sie muss die Kriegsführenden gleichbehandeln. Sie darf keine Söldner für Kriegsparteien stellen. In diesem Zusammenhang sollten auch die «modernen Solddienste» der Swisscoy im Kosovo im Rahmen der NATO endlich hinterfragt werden. Eine weitere Pflicht des neutralen Landes ist es, das eigene Territorium nicht für die Kriegsparteien zur Verfügung zu stellen. Zudem hat es das Recht auf die Unverletzlichkeit des eigenen Territoriums.

Die Neutralität fußt auf der Erfahrung, dass sich Konflikte nicht mit Gewalt, sondern nur durch Klärung der Ursachen lösen lassen. Neutralität verlangt, Konflikte aufmerksam zu verfolgen, zu verarbeiten und nicht «wegzuschauen». Nur die konsequente Haltung des Neutralen kann die Schweiz aus Konflikten heraushalten. Der neutrale Staat muss auf den Konflikt an sich zielen und nicht auf einen bestimmten Beteiligten eines Konfliktes. Indem die neutrale Schweiz nicht einseitig eine Konfliktpartei unterstützt, kann sie mit dem Angebot der Vermittlung zur Konfliktlösung beitragen und ihre Rolle als Schutzmacht bekräftigen.

Bundesrat und Parlament müssen Gewalt, Krieg und Terror von allen Seiten klar ablehnen, Gespräche einfordern und auf diese Weise den Frieden am besten zu fördern. Die kompromisslose Haltung der neutralen Schweiz ist auch zentral für den inneren Zusammenhalt unseres Landes. Anstatt zu moralisieren, muss die Schweiz, also der Bundesrat und das Parlament, konsequent auf Machtpolitik verzichten. Dabei müssen die Schweizer Bürger sowie die Medien nicht gesinnungsneutral bleiben, sondern können sich eine kritische Meinung zu jedem Konflikt bilden und diese auch öffentlich vertreten. Auf diese Weise schützt die Neutralität auch die Meinungsfreiheit eines Landes.

Die Neutralität unter Druck

Kriegsparteien, die ihre Übermacht durchsetzen wollen, lehnen es ab, Entstehung und Ursachen der Konflikte als Prozesse zu sehen. Aus diesen Gründen haben Kriegsparteien, die auf ihre Übermacht zählen, kein Interesse an neutralen Standpunkten, die ihren Herrschaftsanspruch argumentativ oder auch territorial relativieren könnten. Nach Vormacht strebende Kriegsparteien werden deshalb den neutralen Standpunkt offen oder verdeckt bekämpfen. Die fortlaufenden, vielfältigen Angriffe der USA auf die Schweiz sind auch in diesem Kontext einzuordnen.

Die Hegemonie besonders der USA formt die Medienberichterstattung, so dass von den zeitlichen und räumlichen Dimensionen der Konfliktprozesse zunehmend abgelenkt wird. Dadurch wird der Konflikt in Bezug auf die Entstehung, die Ursachen sowie seine Entwicklung zunehmend unkenntlich gemacht, die Überschaubarkeit des Herganges wird verschleiert. Somit bleiben die Konfliktursachen im Dunkeln und sichtbar bleibt nur, was der entsprechende Hegemon medienwirksam arrangiert, ohne nennenswerte Opposition beschließt und mehr oder weniger rücksichtslos durchführt.

Die Dekonstruktion der Neutralität

Kriegsparteien, die ihre Macht durchsetzen wollen, empfinden die neutrale Position als potenzielle Einschränkung. Sie werfen deshalb der neutralen Position vor, im Interesse der Gegenpartei zu handeln. Die Dekonstruktionsversuche der Neutralität als wegschauende Trittbrettfahrerin bis zur heimlichen Bündnispartnerin der gegnerischen Kriegspartei liegen im Interesse der Kriegswilligen und sollten besser verständlich gemacht werden.

«Wir müssen uns eben die Tatsache vor Augen halten, dass im Grunde kein Angehöriger einer kriegsführenden Nation eine neutrale Gesinnung als berechtigt empfindet. Er kann das mit dem Verstande, wenn er ihn gewaltig anstrengt, aber er kann es nicht mit dem Herzen.»

Das sagte Carl Spitteler schon vor mehr als 100 Jahren. Hier haken die Neutralitätsgegner auch heute mit ihrer Propaganda und ihren unsinnigen Unterstellungen ein. Das ist nicht «Mainstream», sondern Manipulation der öffentlichen Meinung: Neutralität wird als Fehlverhalten, als Spionage für die andere Kriegspartei verunglimpft. Doch der Verräter ist nicht der Neutrale, sondern derjenige, der die Schweiz hinterrücks an kriegerische fremde Bündnisse verschachern will. Die sicherheitspolitische Strategie des Bundesrates vom 12. Dezember 2025 legt dazu ein beredtes Zeugnis ab. Auf rund 60 Seiten sind nur eineinhalb Seiten der Neutralität gewidmet. Auch die nationalrätliche Debatte während der Frühlingssession zum Thema Neutralität kam mehr als bescheiden daher und im Gegensatz zum Ständerat war sie flach und inhaltsleer.

Auch Thomas Cottier (siehe NZZ vom 30. März 2026) und René Rhinow (siehe NZZ vom 7. April 2026) sind «Architekten» solcher Dekonstruktion. Sie wollen offenbar hinter die Aufklärung zurück, reden von «situativer Neutralität» (Rhinow) und versuchen so eine unsägliche «Rosinenpickerei» der Schweiz zu fördern. Rhinow weiter:

«Im Klartext: neutral zu sein und zu bleiben, wenn es unserer Sicherheit nützt, sie zu verlassen, wenn gewichtige außen-, wirtschafts- und sicherheitspolitische Gründe Vorrang genießen.»

Cottier und Rhinow frönen damit als Juristen einem Rechtspositivismus und fordern unverblümt das Einbinden der Schweiz in die zentralistischen Fehlkonstruktionen der EU und der NATO. Beide Organisationen fordern ein «kriegstüchtiges Europa» und wollen dies mit Bündnispolitik und Aufrüstung erreichen – ganz so wie am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Die Schweizer Neutralität jenseits von Vasallität

Der Weg Europas aus dieser heillos verfahrenen Situation heraus und zurück zum universalen Auftrag der Aufklärung führt über die Neutralität. Das muss der Beitrag der Erneuerung der Schweizer Neutralität sein und deshalb muss eine klare Definition derselben mithilfe der Neutralitätsinitiative in der Bundesverfassung verankert werden. Denn die Schweizer Neutralität ist das Ergebnis ihrer besonderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung, die sich frühzeitig am gegenseitigen wirtschaftlichen Vorteil und nicht an den kolonialen Übergriffen orientierte. Die Wiedererlangung der Errungenschaften der Aufklärung, und dazu gehört die Neutralität, führt letztlich zum Ziel eines eidgenössischen Europas.

Die Schweiz muss außerhalb von sklavischen Bündnispflichten und Vasallität stehen. Sie leistet sich so eine eigenständige, wohl begründete Meinung und bleibt mit allen in einem dialogischen Kontakt. Die Schweizer Neutralität ist über alle Parteien hinweg ein politischer Auftrag der Schweiz. Das Bedürfnis der Menschen nach Frieden muss über die machtpolitischen Interessen gestellt werden. Nur falls die politische Unabhängigkeit der Schweiz verteidigt werden kann, ist es möglich, die Errungenschaft eines aufgeklärten, freiheitlichen Menschenbildes zu sichern und weiterzuentwickeln.

Jene, die bisher das Narrativ der «SVP»- oder «Putin-Initiative» vorschieben, weichen damit nur der Frage nach den Ursachen der zunehmenden Konflikte aus. Dadurch akzeptieren sie teilweise unbewusst oder resignierend den laufenden Prozess der Entmündigung.

Hans Bieri, Schweizerische Vereinigung für Landwirtschaft und Industrie (SVIL), Mitglied im Komitee der Neutralitätsinitiative.

René Roca, Forschungsinstitut direkte Demokratie (FIDD), Mitglied im Komitee der Neutralitätsinitiative.

Eine gekĂĽrzte Version des Artikels erschien in der NZZ vom 30. April 2026.

«Das deutsche Schulsystem ist durch und durch auf Stabilität und Kontrolle angelegt» – und daher so schwer reformierbar

Das Zielbild einer modernen Schule ist seit Jahren klar umrissen: individuellerer Unterricht, stärkere Kooperation, die systematische Nutzung von Daten für die Schulentwicklung, multiprofessionelle Teams und eine Kultur des Lernens statt reiner Kontrolle. Dennoch verändert sich das deutsche Schulsystem nur quälend langsam. Warum scheitern Reformen so häufig?

Der Transformationsforscher Ekkehard Thümler liefert in einem Interview mit Spektrum der Wissenschaft eine ernüchternde Diagnose: Das System sei «durch und durch auf Stabilität und Kontrolle angelegt» und daher nur schwer reformierbar. Das berichtet News4teachers.de.

Thümler, Senior Fellow am Centre for Social Investment der Universität Heidelberg und Gründer des «New School Lab», bezieht sich auf das Projekt «Schule neu denken», in dem 17 Bildungsforscher ein umfassendes Zukunftsbild entworfen haben. Er teilt dieses Bild weitgehend, betont aber vor allem die enorme Kluft zwischen heutiger Realität und notwendiger Zukunft. Das Problem liege nicht in der Formulierung von Zielen – «wir wissen, wo wir hinwollen» –, sondern im «Wie» der Umsetzung.

Genau hier seien Reformbemühungen der vergangenen Jahrzehnte immer wieder gescheitert. Ein zentrales Hindernis sieht Thümler in der Struktur des Systems selbst. Es handele sich um ein stark bürokratisches, von Verwaltung gesteuertes Gebilde, in dem Schulen am unteren Ende einer hierarchischen «Nahrungskette» als unselbstständige Einheiten stünden. Veränderung müsse jedoch genau dort stattfinden.

Erschwerend komme die Aufsplitterung der Zuständigkeiten hinzu: Bundesländer sind für Pädagogik und Personal zuständig, Kommunen für Gebäude und Infrastruktur. International habe sich dagegen die Bündelung von Verantwortung vor Ort bewährt.

Der Forscher beschreibt diesen Zustand mit dem Begriff «Lock-in» aus der Transformationsforschung: Das System sei so sehr in seiner eigenen Logik gefangen und in verfestigten Strukturen blockiert, dass es sich nicht mehr an eine sich verändernde Umwelt anpassen könne. Thümler:

«Man kann dann die Ärmel hochkrempeln, wie man will. Es kommt dabei nur noch mehr desselben heraus.»

Als Parallele zieht er die deutsche Automobilindustrie heran, die den Umstieg in die Elektromobilität verpasst habe und von ihrer einst starken Position verdrängt worden sei. Auch die bisherige Praxis der Bildungsinnovation kritisiert er scharf. Erfolgreiche Einzelschulen, etwa Träger des Deutschen Schulpreises seit 2006, strahlten nicht automatisch in die Breite aus.

Wissenschaftliche Projekte und Programme wie SINUS endeten regelmäßig «im Nichts», sobald die Förderung auslaufe. Statt kurzfristiger Projekte fordert Thümler ein Denken in langfristigen «Missionen», an denen viele Akteure über Jahre hinweg arbeiten.

Stattdessen produziere man im Bildungsbereich «sündhaft teure einstürzende Neubauten». Als Lösungsansätze nennt der Transformationsforscher unter anderem Innovationsagenturen, die Forschungsergebnisse in die Praxis tragen und dauerhaft weiterentwickeln, sowie strukturelle Veränderungen bei der Schulträgerschaft. Das «planwirtschaftlich organisierte System» müsse stärker privatwirtschaftlich aufgestellt werden – nicht unbedingt kommerziell, sondern beispielsweise durch Non-Profit-Organisationen wie die erfolgreichen Academies in England.

Mehr Autonomie für Einzelschulen allein reiche jedoch nicht aus; echte Transformation erfordere grundlegende Veränderungen in vielen Bereichen.

Diese systemische Trägheit wird auch von Praktikern aus dem Inneren des Systems scharf kritisiert. Die ehemalige Rektorin Silke Müller, die 16 Jahre die Waldschule Hatten in Niedersachsen leitete und Autorin des Buches «Schule gegen Kinder» ist, bezeichnet das deutsche Schulsystem in einem Interview mit der Welt sogar als «bankrott». Es werde den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht und sei mit starren Strukturen, überbordender Bürokratie und einseitigem Leistungsdruck überfordert (TN berichtete).

Müller fordert einen grundlegenden Umbau: die Abschaffung von Noten, um ständigen Druck zu beseitigen und den Fokus auf individuelle Entwicklung zu legen. Statt Noten solle es regelmäßige Feedback-Gespräche ausschließlich zwischen Lehrkräften und Schülern geben – ohne Eltern –, damit Kinder Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess übernehmen. Die starren 45-Minuten-Fächerstrukturen sollen zugunsten themen- und projektorientierten, ganzheitlichen Lernens aufgelöst werden, das kognitive, soziale, emotionale und praktische Kompetenzen verbindet.

Konkret plädiert sie für ein neues Fach «Leben lernen», das praktische Alltagskompetenzen und Resilienz vermittelt. Weitere Vorschläge umfassen die Abschaffung klassischer Hausaufgaben zugunsten von Kreativität und KI-Kompetenz, mehr Zeit für Beziehungsarbeit, verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte sowie einen bundesweiten Bildungsstaatsvertrag mit einem nationalen Bildungsrat, der Bildungspolitik langfristig und parteiübergreifend gestaltet.

Solche Ansätze werden bereits an einzelnen Schulen erprobt, etwa an der Alemannenschule in Wutöschingen (ohne festen Stundenplan und mit selbstbestimmtem Lernen), der Waldparkschule Heidelberg (keine Noten bis Klasse 8) oder der Universitätsschule Dresden.

Die «Corona-Zeit» hat derweil die Defizite des Systems zusätzlich verschärft: Lockdowns haben die Entwicklung exekutiver Funktionen bei Kindern um Jahre zurückgeworfen, während die Digitalisierung mit ständiger Reizüberflutung Frustrationstoleranz und Resilienz weiter schwächt.

Thümlers strukturelle Analyse und Müllers radikale Praxiskritik machen eines deutlich: Ohne tiefgreifende Veränderungen in Struktur, Kultur und Inhalten dürfte die visionäre Schule, die als lernende Organisation agiert und Kinder wirklich auf das Leben vorbereitet, vorerst unerreichbar bleiben.



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