Das andere «Wort zum Sonntag» oder: Kleine Neuanfänge
Die Kriegstreiberei steigert sich in unerträglichem Maße; kleine Kinder werden schamlos und in verbrecherischer «Pädogogik» sexualisiert; Messermorde und Vergewaltigungen − registierte − geschehen in Deutschland an manchen Tagen in dreistelliger Zahl; neuberechnete Krankenkassenbeiträge können zu einer Verarmung breiter Schichten beitragen. Und das sind nur einige wenige Schlaglichter.
Der Journalist Wolfgang Herles hat schon recht, wenn er fordert: «Wir brauchen einen Aufstand der Bürger», «parteienunabhängig; es muss ein Aufstand der normalen Leute sein.» Wer wollte ihm da nicht zustimmen, wenn er sagt:
«Es muss sich in dieser Gesellschaft 'was bewegen, und nicht ‹Macht 'mal, ihr dort oben.› (…) Es wird auch nichts passieren, solange nicht auf den Straßen demonstriert wird. (…) Die Leute stehen nicht auf. Die Leute müssen aufstehen, sonst passiert nichts.»
Bilder vom «Aufstand der normalen Leute», mit Straßen voller Menschen, hunderttausender von Menschen, waren in den letzten Monaten aus anderen europäischen Ländern zu sehen: aus Albanien, aus Bulgarien, aus England. Für die oben beschriebenen existentiellen Anliegen und Nöte gehen in Deutschland oder gar in der Schweiz keine entsprechenden Scharen auf die Straße.
Als den wesentlichsten Grund dafür betrachte ich − neben spezifischen Ursachen in der Geschichte − das unselige Dreibein, auf dem unsere Regierungen sich niedergelassen haben: ein höriger bestallter Staatsfunk, eine direkt (Deutschland) oder indirekt (Schweiz) gelenkte Justiz und geistlich kastrierte Großkirchen. Vereint sorgen sie für die passende öffentliche Meinung, für mahnende volkserzieherische Urteile und für ein gegen Wahrheit und Gerechtigkeit gepolstertes Gewissen.
So weit, so unschön. Umso mehr kann ich Herrn Herles verstehen, wenn er sich nun gleichsam die Haare rauft und ausruft: «Die Leute stehen nicht auf. Die Leute müssen aufstehen, sonst passiert nichts.»
Irgendwie scheint dafür kein Boden vorhanden, keine innere Verbundenheit, vorauszusetzen zu sein unter denen, die man gerne als jene «normalen Leute» betrachten möchte. Wurde in Deutschland vor bald hundert Jahren das Ethos aus Geschichte und Kultur aufs schändlichste in Blut und Boden gestampft und damit Volk und Land langfristig gelähmt (regionale Ausnahmen vorbehalten), so scheint mir in der Schweiz ein ungutes positives Ethos den Blick auf strukturelle Nöte zu verstellen: «Die da oben» gelten landläufig immer noch als «welche von uns», und drum «können sie es ja letztlich nicht böse meinen».
Schauen wir's anders herum an: Was bräuchte, was braucht es für einen neuen und wahrhaften Aufstand der Anständigen, der trotz aller Verdrehungen und Manipulationen anständig Gebliebenen, damit ihre Zahl und ihre Stimme wahrgenommen wird und zu guten Veränderungen beiträgt? Aus dem Stand geht das ganz offenbar nicht; Appelle wie der oben zitierte verdeutlichen halt auch eine Ohnmacht der Einsichtigen selber.
Ich lege im Folgenden einige Gedanken des christlichen Sprachphilosophen Eugen Rosenstock-Huessy dar, die mir hilfreich erscheinen, und gebe sie sozusagen in die Bewährung.
Entscheidend und maß-gebend für jedes Miteinander, schrieb er im Jahr 1950 in dem Buch «Der Atem des Geistes», sei das, was wir heute Korrespondenz nennen: Der eine antwortet auf den anderen. Ein nur wechselseitiges Reden, bei dem sich der eine gegen den anderen durchsetzen will, führt nicht nur an der Sache − es führt auch am Menschsein vorbei. Das Wort «ko-respondere» bedeutet nach Wörterbuch «versichern, entsprechen, übereinstimmen». Laut Rosenstock entsteht das im ehrlichen Gespräch, das dem anderen einen Vorschuss an Vertrauen entgegenbringt.
So weit, so banal, möchte man meinen. Wie soll das gehen angesichts der weitverbreiteten Gehirnwäsche, der zunehmenden Denkunwilligkeit wie -unfähigkeit und der hand- wie gerichtsfest erschlagenden Machtverhältnisse? In der Breite ist der Boden dafür nicht vorhanden, und in der Tiefe der Interessensgruppen schaut es ja nicht besser aus. Auch Wahrheitsbewegte versuchen oft nur «sich» (selber) Gehör zu verschaffen, ohne dass mit der anderen Seite Worte gewechselt würden.
Bezogen auf das in jenem Buch erörterte Gespräch zwischen Augustin und seinem Sohn Adeotus, schreibt Rosenstock: «Er [Augustin] will ja nicht empor zu irgendwelchen Idealen. Er bittet nur um den nächsten Schritt in seinem Leben [mit seinem Sohn].» Das heißt für unseren Zusammenhang: Das Ideal einer Breitenwirkung könnte dem nächsten Schritt des konkreten Lebens, ins konkrete Leben, entgegenstehen.
Was meine ich damit? Es hat in den vergangenen Jahren an vielen Orten in unseren Ländern kleine Begegnungen zwischen Opponenten verschiedener Richtungen gegeben: zu Fragen der Justiz, der Corona-Politik, der Verkehrspolitik und anderem. Sie waren unauffällig, und es war nur wenig darüber berichtet worden. Eben solche Gespräche betrachte ich als Dünger für eine neue Atmosphäre.
Diese Fäden gilt es meines Erachtens wieder aufzunehmen und überall weiterzuspinnen. Ich denke dabei gar nicht gleich an öffentliche Podiumsveranstaltungen mit ihrer Tendenz, dass jeder für «sein Lager» ein gutes Bild abgeben möchte. Sondern ich denke an viele kleine regionale Begegnungen zwischen Vor-und Mitdenkern verschiedener Richtungen und Gruppen.
Keiner muss sich dort vor dem anderen rechtfertigen, es gibt keine beobachtende Menge, und niemand hat etwas zu verlieren. «Die Lager» im Hintergrund wissen anfangs vielleicht nicht einmal davon, sondern man kommt einfach zusammen für ein freies Reden. «Wer bist du selber eigentlich? Worum geht es dir wirklich? Tragen meine eigenen Überzeugungen?»
Beide legen sie für diese Stunden ihre Waffen ab, wie es Jonatan, der Sohn von König Davids Erzfeind Saul, es tat vor deren Wiedersehen. Sie begegneten sich als Menschen und beendeten ihr kurzes Miteinander mit einem «Geh hin in Frieden».
Zu fromm, um wahr zu sein? Wer sagt das denn? Mein Plädoyer ist: Schaffen wir dort, wo wir sind, Frei-Räume für diese Tarnkappen- und Inkognito-Politik im ganz kleinen, vielhundertfach und mit einem feinen Gespür für
- den rechten Ort
- den richtigen Zeitpunkt
- die Anständigen beider Seiten
Ein letzter Einwand geht mir durch den Sinn: «Haben wir dafür überhaupt noch Zeit? Die Probleme sind viel zu dringend. Wir müssen doch hier und jetzt die Menschen aufwecken!» − Ich antworte mir selber mit dem alten Liedvers von Johann Daniel Herrnschmidt:
«Wenn die Stunden sich gefunden,
bricht die Hilf mit Macht herein;
und dein Grämen zu beschämen,
wird es unversehens sein.»
Die Zeit dürfte reif sein für solche stillen unscheinbaren Aktionen. Was draus wird, auch überregional, das geben wir dem Herrn der Zeiten in Seine Hände. Jedenfalls kann es schnell gehen, wenn viele regionale Machtpfeiler «korrespondiv» angesägt sind.
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Das andere «Wort zum Sonntag» vom 16. August 2026: «Moralische Rauchzeichen»
Lothar Mack war als Gemeindepfarrer und bei verschiedenen Hilfswerken und Redaktionen tätig. Sein kritischer Blick auf Kirche und Zeitgeschehen hat ihn in die Selbständigkeit geführt. Er sammelt und ermutigt Gleichgesinnte über Artikel und Begegnungen und ruft in Gottesdiensten und an Kundgebungen zu eigenständigem gläubigem Denken auf. Sein Telegram-Kanal lautet StimmeundWort.
